Der Markt ist voll von Ratgebern, Wegweisern und Selbstoptimierern und wer ein solches Buch kauft, das verspricht, den Weg zum Glück zu weisen, wird meist enttäuscht. Der Autor Paul Watzlawick, seines Zeichens Psychotherapeut, wählte deshalb den entgegengesetzten Weg. In dem schmalen, aber wirkungsvollen Bändchen "Anleitung zum Unglücklichsein" gibt er uns Lesern scheinbar exakte Anweisungen an die Hand, wie sie sich ihr Leben zur Hölle machen können. Auf den ersten Blick wirkt es wie eine zynische Satire, zeigt sich aber schnell als Werk über die Abgründe der menschlichen Psyche und die Mechanismen unserer eigenen Wahrnehmung.Aus meiner Sicht ist Watzlawicks These hauptsächlich die, dass das Unglück nicht einfach vom Himmel fällt, sondern von uns selbst aktiv und mit beachtlicher Ausdauer konstruiert wird. Wir reagieren nicht auf eine objektive Realität, sondern auf das Bild, das wir uns von ihr machen.Er beschreibt mit Witz und Ironie Verhaltensfallen wie ¿mehr desselben', selbsterfüllende Prophezeiungen oder die Ursachensuche am völlig falschen Ort. Diese, wahrscheinlich jedem bekannten, Phänomene werden nicht mit erhobenen Zeigefinger vorgeführt, sondern als amüsantes Trauerspiel menschlicher Unvernunft gezeigt.Und es zeigt sich dazu noch, dass seine "Diagnose" mehr als vier Jahrzehnte nach der Veröffentlichung recht gut gealtert ist. In unserer Gesellschaft, die von Leistungsdruck und dem Diktat des unbedingten Glücklichseins geprägt ist, wirkt das Buch erschreckend modern.In den heutigen Zeiten von Insta, TikTok und selbsternannten Mindset-Gurus, die uns das Dauerlächeln und erzwungene "Good Vibes Only" zur Pflicht erheben, wirkt dieses Buch wie ein entgiftendes Korrektiv. Wenn man versteht, dass das eigene Leiden oft das Produkt eigener Denkverkrustungen ist, kann man sich mit einem Zwinkern selbst dabei ertappen und Druck rausnehmen. Phänomene wie Doomscrolling oder das Versinken in Rabbitholes basieren im Wesentlichen wahrscheinlich ebenso auf den beschriebenen Teufelskreisen.Aber es gibt auch ein Manko. Trotz aller Modernität, merkt man dem Werk an, dass es im akademischen Milieu der 80er entstanden ist. Die Sprache ist elegant, intellektuell und stellenweise regelrecht aristokratisch. Leser heute könnte dieser bildungsbürgerliche Ton etwas distanziert oder elitär erscheinen. Auch hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses und der gesellschaftlichen Perspektive offenbart es für mich deutliche Schwachstellen. Ausgehend von der Geschlechterverteilung in den Beispielen, wird ein zeitgebundenes Muster deutlich. Der Mann fungiert recht häufig als Denker und Akteur. Die intellektuellen Geschcihten wie z.B. der Hammer, oder unter der Laterne, sind fast durchgängig männlich besetzt. Der Mann agiert, reflektiert und philosophiert über sein Elend. Weibliche Protagonistinnen bleiben als Beziehungs-Statistin zurück. Sie tauchen vorwiegend in häuslichen oder passiven Kontexten auf. Sie erscheinen als nörgelnde Partnerinnen, emotionale Erpresserinnen oder als Frauen mit Helfersyndrom, die an ungesunden Beziehungen (etwa mit Alkoholikern) festhalten. Jetzt wird's auch noch mal ein bissle hobbypsychologisch. Paul Watzlawick ist ein Vertreter des Konstruktivismus (kurz gesagt, der Mensch konstruiert sich seine eigene Wirklichkeit). Da er diesen recht radikal vertritt, birgt dies eine sozial- und genderkritische Schwäche. Durch die Annahme, jedes Unglück basiere lediglich auf dem Gedankenkonstrukt im eigenen Kopf, werden sämtliche äußere, real existierende Missstände entwertet.Zentrale Themen wie geschlechtsspezifische Benachteiligung, ökonomische Abhängigkeit, ungleiche Care-Arbeit oder Diskriminierung durch die Gesellschaft werden durch solche Annahmen unsichtbar gemacht. Sehr kritisch gesehen heißt das, dass das persönliche Leiden somit privatisiert wird und eine subtile Täter-Opfer-Umkehr (Victim Blaming) droht. Frauen (und anderen benachteiligte Gruppen) wird suggeriert, das ihr Leid lediglich die Folge einer falschen inneren Einstellung und nicht etwa das Resultat patriarchaler oder struktureller Machtverhältnisse sei.Es lässt sich somit also sagen, dass die "Anleitung zum Unglücklich sein" ein wirklich toller Klassiker mit historischen Grenzen ist. Es bietet nach wie vor echten Erkenntniswert für jeden, der bereit ist, die eigenen Denkmuster zu hinterfragen. Wir als Leser der Gegenwart sollten das Buch jedoch als das nehmen, was es ist. Ein psychologisches Werkzeug zur individuellen Selbsterkenntnis, nicht aber eine umfassende Erklärung für menschliches Leid.