¿¿¿¿¿ ¿¿¿¿ ¿¿?Stell dir vor, du stehst als Polizeikommissar kurz vor Feierabend, als plötzlich ein anonymer Anruf auf deinem Handy eingeht. In einer verkommenen Absteige sei ein kleines Mädchen spurlos verschwunden. Nichtsahnend fährst du mit deinem Partner zur Adresse, klopfst an die Wohnungstür, und ausgerechnet ER öffnet dir. Dr. Joachim Lichner! Der hochintelligente, eiskalte Psychiater, den du vor 15 Jahren wegen Kindesmords hinter Gitter gebracht hast. Doch als du ihn mit dem verschwundenen Kind konfrontierst, reagiert er nur mit bitterer Ironie. "Welches Kind denn bitte?", fragt er, beteuert felsenfest, völlig allein zu leben, und streitet ab, überhaupt eine Tochter zu haben. Spielt er ein perfides Spiel mit der Polizei, will ihm jemand was anhängen oder läuft hier ein albtraumhafter Psychokrieg?¿¿¿ ¿¿¿ ¿¿¿ ¿¿¿¿¿¿:¿ Die durchgehende Grundspannung: Schon zu Beginn erfährt man von Lichners Haftentlassung, bevor dann zwei Jahre später der Anruf über das verschwundene Mädchen eingeht. Die Spannung lebt definitiv von der Zerrissenheit des Ermittlerduos. Während Menkhoff damals alles für eine schnelle Verurteilung tat, hatte Seifert schon immer Zweifel. Wurde Lichner damals zurecht eingebuchtet? Ist er heute wieder der Täter oder lag Menkhoff falsch? Diese ständige Unsicherheit zwischen den Ermittlern hat mich von Anfang an gepackt.¿ Die Ich-Perspektive: Man steckt komplett in Kommissar Seiferts Kopf drin, spürt seine wachsenden Zweifel, sein Unwohlsein, seine innere Zerrissenheit zwischen der Loyalität seinem Partner Menkhoff gegenüber, und dem eigenen Bauchgefühl. Das macht die ganze Verwirrung noch viel persönlicher und intensiver.¿ Der Plottwist: Wie hier gegen Ende einfach alles über Bord geworfen wird, was man bis dahin für den Plot gehalten hat, das saß! Für mich konnte das sonst eher solide Buch durch dieses Finale noch einmal punkten. Ich kann zwar total verstehen, wenn man das Ende wegen seiner ziemlich extremen Gegebenheit als unrealistisch oder konstruiert empfindet. Aber für mich gilt: Alles, was sich das menschliche Gehirn erdichten kann, ist in einem Psychothriller auch möglich.¿¿¿ ¿¿¿ ¿¿¿¿¿¿¿ ¿¿¿ ¿¿¿¿¿¿:¿ Der Zeitebenen-Wechsel: Ich liebe eigentlich kurze Kapitel, weil ich mit ihnen gefühlt viel flotter vorankomme. Hier aber wurde ich vor allem in der ersten Hälfte zwischen damals und heute hin und her geworfen. Ich musste ständig zurückblättern, um mich neu zu orientieren, in welcher Zeit ich mich gerade befinde. Dazu kommt, dass viele Kapitel so abrupt mitten in der Szene abbrechen, dass es sich nicht nach einem cleveren Cliffhanger anfühlt, sondern eher wie mitten im Satz abgeschnitten.¿ Die Dynamik zwischen den Ermittlern: Die beiden Kommissare, mit denen wir hier unterwegs sind, haben über die 15 Jahre, in denen Lichner im Gefängnis saß, für mein Gefühl kaum eine erkennbare Entwicklung durchgemacht. Fairerweise muss man aber dazusagen, dass es Strobels zweites Werk war. Da darf die Charakterentwicklung ruhig noch ein bisschen Luft nach oben haben.¿¿¿¿¿:"Das Wesen" ist ein solider, spannender Thriller, der mich über weite Strecken gut unterhalten hat, ohne mich komplett vom Hocker zu reißen, kein Meisterwerk, aber definitiv auch keine verschwendete Lesezeit. Wer psychologische Verwirrspiele mag, bei denen man bis zum Schluss nicht weiß, wem man glauben soll, findet hier solide Unterhaltung. Ich persönlich habe das Buch vor allem gelesen, um die Vorgeschichte von Luisa Menkhoff kennenzulernen, der Tochter von Ermittler Bernd Menkhoff, die hier noch ein kleines Mädchen ist und die in Strobels aktuellerem Werk "Ungelöst - Die erste Zeugin" eine zentrale Rolle spielt, ob sich das für das volle Leseerlebnis lohnt, wird sich zeigen.