Ein großer, vielschichtiger Familien- und Gesellschaftsroman über Herkunft, Macht, Erinnerung und die Last der Vergangenheit
T.C. Boyle erzählt in World's End die Geschichte mehrerer Familien über mehr als drei Jahrhunderte hinweg und spannt dabei einen beeindruckenden Bogen von den ersten niederländischen Siedlern am Hudson River bis in die 1960er Jahre. Im Mittelpunkt stehen die Familien Van Brunt, Van Wart, Crane und Mohonk, deren Schicksale über Generationen miteinander verflochten sind.Der Einstieg fiel mir nicht ganz leicht. Die vielen Zeitsprünge, Figuren und Perspektiven sorgten zunächst für einige Verwirrung. Doch je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher werden die Zusammenhänge, und aus einzelnen Episoden entsteht ein faszinierendes Gesamtbild.Besonders beeindruckt hat mich, wie Boyle die großen Themen Macht, Besitz, Herkunft, Loyalität und Verrat über Jahrhunderte hinweg verfolgt. Die Konflikte verändern ihre Form, verschwinden aber nie ganz. Immer wieder stellt der Roman die Frage, ob Menschen ihrem Schicksal entkommen können oder ob sich Geschichte in neuen Varianten wiederholt.Die historische Ebene um Jeremias van Brunt hat mich dabei am stärksten berührt. Sein Kampf gegen Ungerechtigkeit, seine Verluste und seine Fehler machten ihn für mich zur eindrucksvollsten Figur des Romans. Die Gegenwartshandlung um Walter van Brunt konnte mich nicht immer gleichermaßen überzeugen, war aber wichtig, um die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart sichtbar zu machen.Boyle erzählt bildgewaltig, atmosphärisch und mit großem Gespür für menschliche Schwächen. Nicht jede Entwicklung hat mir gefallen, und das Ende hinterließ bei mir einen bewusst bitteren Nachgeschmack. Dennoch ist World's End ein beeindruckendes Familienepos, das lange nachwirkt und viele Fragen offenlässt.Für mich kein perfekter, aber ein sehr großer Boyle-Roman, der durch seine erzählerische Wucht, seine Figuren und seine historische Tiefe beeindruckt