Packend, wenn auch gegen Ende etwas aufgeweicht
Es gibt vier Romane amerikanischer Autorinnen des 21. Jahrhunderts, die ich jeder*m empfehlen würde: Emily St. John Mandels "Station Eleven" , Marisha Pessls "Die amerikanische Nacht", Valeria Luisellis "Archiv der verlorenen Kinder" & "Flammenwerfer", der zweite Roman von Rachel Kushner (wobei auch ihre Essays und ihr Kuba-Roman grandios sind)."The Mars Room/Ich bin ein Schicksal", Kushners vierter Roman, erschien 2018 und spielt überwiegend in einem kalifornischen Frauengefängnis. Die junge Mutter Romy Hall sitzt hier zweimal lebenslänglich ab, für das Erschlagen ihres Stalkers. Wie es dazu kam, wird in Rückblenden erzählt, aber auch andere Perspektiven kommen zu Wort, bspw. die von Gordon Hauser, der die Frauen im Gefängnis unterrichtet und die eines Ex-Cops, der zusammen mit einer der Frauen in Romys Gefängnis einen Mord begangen hat.Ausserdem gibt es Kapitel mit Listen von Schildern und mündlichen Anweisungen im Gefängnis, später sind auch einige Kapitel dem Tagebuch des UNA-Bombers Ted Kaczynski entnommen.Diese Sprünge von Strang zu Strang und die vielen Stimmen machen das Buch nicht gerade zu einer leichten Kost, aber doch zu einer eindringlichen Lektüre. Kushner gelingt es, die drastische Atmosphäre des Gefängnisses eben so deutlich und nahbar zu schildern, wie die Hoffnungen und Träume, die Obsessionen und Ängste der einzelnen Protagonist*innen. Die Handlung läuft nicht auf etwas hinaus, sondern verdeutlicht durch ihre kreisende Bewegung die Agonie und Schwere ihrer Sujets: Verbrechen und Strafe. Gleichsam erforscht das Buch aber doch filigran die Ursachen, Aspekte, Motive dieser beiden Entitäten und stellt die Frage in den Raum, inwiefern sie wirklich zwei Seiten einer Medaille sind.