Ein guter Fantasyroman mit starkem Auftakt & tollem Roadtrip-Gefühl. Am Ende blieb bei mir jedoch mehr das Gefühl von ¿schade¿ als von ¿wow¿
¿ Mein Gesamteindruck¿ Everlasting Fate ist eines dieser Bücher, bei denen ich zwischen Begeisterung und Frust hin- und hergerissen war. Die erste Hälfte hat mich richtig abgeholt: eine spannende Reise, ein sympathischer Dieb, eine faszinierende Welt und ein Schreibstil, der Bilder im Kopf entstehen lässt. Amelia Cadan kann Atmosphäre schaffen und schreibt Nebenfiguren, die innerhalb weniger Seiten lebendig wirken. Leider verliert die Geschichte für mich ab der Mitte deutlich an Kraft. Die Handlung wiederholt sich, wichtige Fragen zur Welt bleiben offen und besonders Leiannas Entwicklung tritt für meinen Geschmack viel zu lange auf der Stelle. Dadurch funktionierte auch die Liebesgeschichte für mich nicht wirklich. Am Ende blieb vor allem das Gefühl zurück, dass hier unglaublich viel Potenzial vorhanden gewesen wäre, das aber nicht ausgeschöpft wurde. Ein gutes Buch mit starken Ideen - aber eben keines, das seine eigenen Möglichkeiten vollständig nutzt. ¿¿¿¿¿¿StärkenIlya ist ein großartiger Protagonist: charmant, schlagfertig und sympathisch. Bildhafter, flüssiger Schreibstil. Die Welt wirkt groß und durchdacht. Hervorragende Nebenfiguren wie Kinna, Vallen und die Gauklertruppe. Witzige Dialoge. Roadtrip-Atmosphäre sorgt lange für Abwechslung. Interessantes Magiesystem mit viel Potenzial.Die wechselnden Ich-Perspektiven funktionieren sehr gut.¿¿ Schwächen Viele Handlungsschleifen wirken wiederholend. Leianna entwickelt sich über weite Strecken kaum. Die Liebesgeschichte konnte mich emotional nicht überzeugen. Worldbuilding bleibt oft nur angedeutet. - Politik, Dämonen und Magiesystem werden zu wenig erklärt. Das eigentliche Ziel der Reise verliert sich zwischendurch.Die Entwicklung der Figuren wirkt stellenweise nicht nachvollziehbar. Die Folterszenen haben für mich keinen Mehrwert gebracht.¿ Meine Eindrücke beim LesenSchon nach wenigen Kapiteln war ich überrascht, wie schnell mich die Geschichte gepackt hat. Ilya war für mich vom ersten Moment an das Herz des Romans. Er ist witzig, clever, redegewandt und besitzt genau die richtige Mischung aus Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit. Seine lockere Art macht einfach Spaß, gleichzeitig blitzen immer wieder die Schatten seiner Vergangenheit und die tiefe Verletzlichkeit seiner Person durch. Solche Figuren lese ich unglaublich gern.Mit Leianna hatte ich dagegen von Anfang an Schwierigkeiten. Ihre Geschichte ist tragisch und ich konnte nachvollziehen, warum sie ihre Magie fürchtet und sich selbst verurteilt. Aber Nachvollziehbarkeit allein reicht für mich nicht. Über drei Viertel des Romans bleibt sie in ihren Selbstzweifeln gefangen. Immer wieder bezeichnet sie sich als Monster, lehnt Hilfe ab oder fällt in dieselben Gedanken zurück. Irgendwann hatte ich nicht mehr das Gefühl, einer Entwicklung zuzusehen, sondern einer Endlosschleife. Dass sie ihre Magie gegen Ende plötzlich selbstverständlicher nutzt, fühlte sich für mich eher behauptet als wirklich erarbeitet an.Gerade deshalb funktionierte für mich auch die Liebesgeschichte nur eingeschränkt. Ilya sieht in Leianna die Frau, die sie sein könnte, stärkt sie und glaubt an sie. Aber ich hatte oft den Eindruck, dass er sich mehr in dieses Potenzial verliebt als in die Frau, die tatsächlich vor ihm steht. Umgekehrt verfällt Leianna selbst nach wichtigen gemeinsamen Erlebnissen immer wieder in dieselben Muster. Selbst Ilyas großes Opfer am Ende konnte für mich diese fehlende Entwicklung nicht auffangen.Besonders schade fand ich das, weil Amelia Cadan eigentlich beweist, wie großartig sie Charaktere schreiben kann. Kinna, Vallen und später die Gauklertruppe haben auf wenigen Seiten mehr Profil als viele Hauptfiguren anderer Romane. Ihre Dialoge wirken natürlich, ihre Beziehungen glaubwürdig und man möchte viel mehr Zeit mit ihnen verbringen. Umso bedauerlicher war es, dass unsere beiden Protagonisten häufig einfach weiterreisen und diese spannenden Figuren wieder hinter sich lassen.Überhaupt lebt das Buch für mich vor allem von seiner Reise. Ich mag Roadtrip-Geschichten sehr und hatte große Freude daran, immer neue Orte kennenzulernen. Gleichzeitig wurde genau das irgendwann zum Problem. Die Handlung bestand zunehmend aus einem wiederkehrenden Muster: fliehen, verfolgt werden, Hilfe finden, erneut fliehen. Obwohl viel passiert, hatte ich irgendwann das Gefühl, dass sich die Geschichte kaum noch vorwärts bewegt.Das Worldbuilding hat mich dabei besonders zwiegespalten zurückgelassen. Einerseits entsteht im Kopf ein richtiger Film. Die verschiedenen Völker, Götter, Herrscher und Konflikte wirken so, als gäbe es hinter allem eine ausgearbeitete Geschichte. Andererseits bleibt davon erstaunlich viel hinter einem Vorhang verborgen. Ich wollte mehr über die Dämonen wissen, über die politischen Verhältnisse, über die Tempel, über den Kaiser und auch über die Geschichte der Antagonistin. Statt Antworten bekam ich meist nur Andeutungen. Für eine Romantasy funktioniert das noch gut, für High Fantasy war mir die Welt letztlich zu oberflächlich.Der Schreibstil hat mir dagegen durchgehend gefallen. Er ist leicht poetisch, sehr bildhaft und liest sich ausgesprochen flüssig. Gerade die Dialoge zwischen Ilya und Leianna bringen immer wieder Humor und Leichtigkeit in die Geschichte.Ein Detail hat mich bis zum Schluss beschäftigt: Der Titel. Warum Everlasting Fate - Ein Reich aus Silber und Magie heißt, erschließt sich mir nach diesem Band noch nicht. Weder das Silber noch das unveränderliche Schicksal stehen für mich wirklich im Zentrum der Geschichte. Vielleicht wird das in der Fortsetzung noch aufgegriffen - dieser erste Band liefert darauf jedenfalls keine zufriedenstellende Antwort.Am Ende blieb bei mir deshalb vor allem ein Gedanke zurück: Dieses Buch hätte eines meiner Jahreshighlights werden können. Alle Zutaten dafür waren vorhanden. Gerade deshalb fühlt sich das Ergebnis für mich wie verschenktes Potenzial an.¿ Fazit & Empfehlung¿ Everlasting Fate hat mich gleichzeitig begeistert und enttäuscht. Wer atmosphärische Fantasyreisen, einen charismatischen Dieb und einen bildhaften Schreibstil liebt, wird hier vieles finden, das Spaß macht. Wer dagegen großen Wert auf konsequente Figurenentwicklung, tiefes Worldbuilding und eine Liebesgeschichte legt, die sich organisch entfaltet, könnte ähnlich zwiegespalten zurückbleiben wie ich.Für mich bleibt ein gutes Buch mit starken Ideen, tollen Nebenfiguren und einem wunderbaren Ilya - aber eben auch vielen verpassten Chancen und einer anstrengenden Protagonistin. Den zweiten Band werde ich deshalb wahrscheinlich nicht mehr lesen.