Feinfühlige queere Selbstfindung, warmer Slow Burn und Own-Voice-Authentizität. Ein echtes Herzensbuch.
Lena hat ein Leben, das von außen wie ein Bilderbuch aussieht. Sie ist mit Leo zusammen, ihrer ersten großen Liebe seit dem Abi-Jahrgang, sie waren das Traumpaar ihrer Klasse, leben in einer gemeinsamen Wohnung im Heimatdorf, und alle Nachbar:innen grüßen sie noch immer als "ihr beiden Süßen". Nur ist Lena nicht glücklich. Da ist dieses leise, dauerhafte Rauschen in ihrem Hinterkopf. Ihre Fotografie, die sie mal geliebt hat, ist irgendwo verschütt gegangen. Ihre Träume sind kleiner geworden als das Dorf. Und dann steht plötzlich Kate wieder in ihrem Leben. Kate, die einmal ihre beste Freundin war, mit der sie in der Nacht des Abi-Balls etwas erlebt hat, was für fünf Jahre wie eine unausgesprochene Wunde zwischen ihnen stand. Aus Kate ist inzwischen ein international erfolgreiches Model geworden, und sie bittet Lena, sie für drei Wochen als Fotografin auf eine Reise zu begleiten. Weg vom Heimatdorf. Weg von Leo. Hinein in eine Nähe zu Kate, die alte Gefühle wieder aufreißt und neue erst freilegt.Alicia Zett verzichtet komplett auf die Kitsch-Version queerer Selbstfindung. Es gibt keinen Erleuchtungsblitz, keine dramatische Spiegelszene. Stattdessen zeigt sie einen langsamen, tastenden, oft schmerzhaften Prozess, in dem Lena Schicht für Schicht ihre eigenen Selbsttäuschungen abträgt. Ihre bisexuelle Identität wird nicht als plötzliche Neuentdeckung inszeniert, sondern als etwas, das sie schon lange in sich getragen und weggeschoben hat, weil in ihrem Umfeld dafür keine Sprache existierte. Diese Rückwärts-Perspektive auf die eigene Vergangenheit, das Neu-Verstehen alter Erinnerungen im Licht neuer Selbsterkenntnisse, ist etwas, das viele queere Menschen aus ihrem eigenen Leben kennen. Die Own-Voice-Perspektive der Autorin ist in tausend kleinen Details spürbar.Der Slow Burn zwischen Lena und Kate funktioniert, weil die beiden sich nicht neu kennenlernen müssen. Sie kennen sich seit ihrer Kindheit und sind sich trotzdem fremd geworden. Aus dieser Mischung von Wieder-Erkennen und Neu-Kennenlernen entsteht eine emotionale Spannung, die weit über das klassische Liebesroman-Kribbeln hinausgeht. Alicia Zett schreibt die kleinen Momente, ein zufälliges Streifen der Hände, einen Blick, der eine Sekunde zu lang gehalten wird, mit einem feinen Pinsel, nicht mit dem Holzhammer. Besonders stark: Leo ist kein Bösewicht. Er ist ein Mensch, der Lena wirklich liebt, und genau das macht Lenas Prozess so schmerzhaft. Sie kann ihm nicht die Schuld für ihre Unzufriedenheit geben und muss stattdessen Verantwortung für sich selbst übernehmen.Alicia Zetts Erzählstil ist warm im besten Sinne. Man hat das Gefühl, dass da jemand schreibt, der einen wirklich mag, einen an die Hand nimmt, ohne zu bevormunden. Für queere Leser:innen mitten in ihrer eigenen Selbstfindung ist dieser Ton unbezahlbar. Auch die drei POVs von Lena, Leo und Kate sind erzählerisch klug gewählt, weil sie alle drei als vollwertige Menschen sichtbar machen.Ehrlich gesagt sind die drei Perspektivwechsel anfangs gewöhnungsbedürftig, gelegentlich wird dieselbe Szene aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Wer klassische Fast-Burn-Romance mit viel Spice erwartet, ist hier falsch, der Fokus liegt klar auf emotionaler Chemie. Und die Dilogie-Struktur bedeutet, dass Band 1 nicht komplett abgeschlossen ist. Zum Glück ist "Wer, wenn nicht du" bereits erschienen.Eine Herzensempfehlung für alle Fans queerer Coming-of-Age-Literatur und für alle, die deutschsprachige Own-Voice-Stimmen unterstützen möchten.