Ein Luxusurlaub wird zum Albtraum: Ein Thriller über Schuld, Erinnerung und trügerischen Glamour.
Girls' Trip von Jan Gangsei ist ein psychologisch angelegter Jugendthriller, der mit einem abgeschlossenen Setting, einer ungewöhnlichen Erzählstruktur und konsequent eingesetzter Irreführung arbeitet. Ausgangspunkt ist eine scheinbar klare Schuldzuweisung: Nach dem Verschwinden von Giselle zeigen Videoaufnahmen, wie Maggie ihre Freundin von einer Luxusjacht stößt. Die Protagonistin selbst leidet jedoch unter Erinnerungslücken und steht damit zugleich im Zentrum der Ermittlungen wie auch unter massivem inneren Druck.Formal zeichnet sich der Roman durch eine rückwärts erzählte Handlung aus. Die Ereignisse der Reise werden Tag für Tag von ihrem Ende her rekonstruiert und mit polizeilichen Verhören, Tagebucheinträgen sowie medialen Fragmenten kombiniert. Diese Struktur zwingt die Lesenden zu permanenter Neubewertung bereits gewonnener Annahmen und erzeugt eine kontinuierliche Spannung, die weniger auf Aktion als auf Erkenntnisfortschritt basiert. Die fragmentierte Erzählweise erweist sich dabei als funktional, da sie den psychischen Zustand der Protagonistin spiegelt und das Motiv der Unsicherheit narrativ verdichtet.Inhaltlich setzt der Roman einen deutlichen Kontrapunkt zur glamourösen Oberfläche seines Settings. Die privilegierte Welt der vier Jugendlichen dient nicht als Eskapismus, sondern als Kontrastfolie für Machtmissbrauch, Abhängigkeiten und soziale Ungleichgewichte innerhalb der Freundesgruppe. Maggie nimmt hierbei eine Sonderstellung ein: Als Außenseiterin im Kreis der Reichen wird ihre Perspektive zunehmend fragwürdig, ohne sie eindeutig zu diskreditieren. Gerade diese Ambivalenz verleiht der Figurenzeichnung Tiefe.Thematisch verhandelt Girls' Trip Fragen nach Schuld und Verantwortung unter Bedingungen von Erinnerungslücken, Gruppendynamik und öffentlichem Druck. Der Roman reflektiert dabei auch die Rolle medialer Aufmerksamkeit und elterlicher Machtstrukturen, ohne diese explizit auszustellen. Die Spannung entsteht aus der allmählichen Entfaltung verborgener Beziehungen und Motive, die sich erst im Zusammenspiel aller Erzählebenen erschließen.Insgesamt überzeugt Girls' Trip als präzise konstruierter Thriller, der formale Experimente mit einer stringenten Handlung verbindet. Der Roman richtet sich zwar primär an ein junges Publikum, entfaltet jedoch durch seine psychologische Komplexität und narrative Raffinesse auch für erwachsene Lesende eine hohe Anschlussfähigkeit.