Fesselnd und mit großer sprachlicher Wucht
Zwei Seelen wohnen in ihrer Brust: die der Filmikone Jeanne Patout und allen Rollen, die sie spielt, im Film und im Leben, als Ehefrau und Mutter - und die ihres "Ichs", der Person, die sie ist, wenn sie niemand anderes sein muss. Doch wer ist dieses Ich? Als die Welt sie für tot glaubt, ergreift sie die Chance und taucht ab und versucht herauszufinden, wer dieses Ich ist. Vier Jahre versteckt sie sich in Barcelona im Haus der Frauen, bis sie ihren Mann auf der Straße entdeckt und erkennt, dass man der Vergangenheit nicht entkommen kann. Der erste Teil wird aus der gespaltenen Perspektive der Protagonisten erzählt. Dieser Teil hat mir am besten gefallen. Schonungslos und mit brutaler sprachlicher Klarheit tauchen wir ein in die tiefsten und dunkelsten Ecken der menschlichen Psyche, in die zerstörerische Macht der toxischen Beziehung zwischen Jeanne und ihrem Ehemann Bernard.Der zweite Teil wird aus der Perspektive einer Polizistin berichtet, die im Haus der Frauen lebt und sich mit der Protagonistin anfreundet. Hier erfahren wir viel über die anderen Frauen im Haus und deren Geschichten. Alle erlebten Hartes, alle wollen nicht gefunden werden. Auch dieser Teil hat mich gefesselt, allerdings wird hier ein bunter Strauß an feministischen Themen abgehandelt, der mir zum Teil zu plakativ war und der von der eigentlichen Geschichte abgelenkt hat. Im dritten Teil werden verschiedene Perspektiven zusammengeführt. Neu hinzu kommt die der neuen Frau an Bernards Seite, mit der er Barcelona besucht. Zum Ende hin spitzt sich alles zu und endet in einem unerwarteten Höhepunkt, der mir einen Ticken zu wild war. In jedem Teil springen die Kapitel zwischen den zwei Zeitebenen hin und her (Barcelona und Begegnung mit ihrem Mann, und der Vergangenheit), was mir gut gefallen hat und die Spannung aufrecht erhält. Insgesamt hat mich das Buch begeistert und gefesselt. Die sprachliche Wucht, das Innenleben der Protagonistin und die Beziehung zu ihrem Mann machen es absolut lesenswert.