
Besprechung vom 05.01.2026
In eisiger Wildnis
Krimis in Kürze: Liann Zhang, Andreas Gruber, Michel Jean
Es gibt ja diese beliebten Umfragen, worauf Männer bei Frauen, Frauen bei Männern, beide bei Ferienorten, Wohnungen oder beliebigen anderen Dingen zuerst schauen. Wer sich selber fragt, worauf sie oder er bei Kriminalromanen primär achtet, liest Verlagsankündigungen und Buchdeckel wie eine Speisekarte, aus der man etwas über sich selbst erfährt. Bloß nichts Lokales oder bloß keine Exotik, lieber hart und gemein als lustig und leicht. Oft ist es da sinnvoll, wenn man sich als Leser kontraintuitiv verhält und zu dem greift, was einen normalerweise nervt. Influencerinnen zum Beispiel.
Im Romandebüt der chinesisch-kanadischen Autorin Liann Zhang kann man sich gar nicht retten vor ihnen. "Belladonnas" (Suhrkamp, 360 S., br., 20,- Euro) erzählt von nichts anderem mit einer Intensität, dass einem am Ende der ganze Wahn und Irrsinn um die Ohren fliegen, die zum Betriebssystem dieser Social-Media-Welt gehören. Im Mittelpunkt: die eineiigen Zwillingsschwestern Julie und Chloe Chan, als frühe Waisen in verschiedenen Familien aufgewachsen und einander mit Mitte zwanzig völlig fremd. Die eine kassiert im Provinzsupermarkt, die andere bei all den Kosmetik- und sonstigen Firmen, deren Profite auch Influencerinnen reich machen. Dann stirbt die reiche Chloe, und die arme Julie schlüpft in ihre Glamour-Existenz. Was sie im Stakkato der Posts, der Tiktok- und Instagram-Videos erlebt, wie sie hineinwächst in diese Welt in der Welt, das schildert Liann Chang in einer schnörkellosen, schnellen Prosa aus der Sicht von Julie - bis hin zum Showdown auf einer Privatinsel, auf der es wirklich an nichts fehlt, was keineswegs als Verheißung zu verstehen ist. Auch Julie lernt am Ende: Ich ist ein ganz Anderer.
Beim Österreicher Andreas Gruber, der in seinen Romanen schon BKA-Profiler, Versicherungsdetektive oder Kripoermittler hat auftreten lassen und zu den Auflagenmillionären rechnet, folgt man Erfahrungswerten. "Herzfluch" (Goldmann, 608 S., br., 17,- Euro) ist erst das zweite Buch um die Wiener Privatdetektivin Elena Gerink, da ist das Potential einer Figur noch nicht ausgereizt. Die Figurenkonstellation mit Elenas Mann Peter und dessen BKA-Kollegen Dino erweitert die Spanne der erzählerischen Möglichkeiten, und es gibt schlechtere Locations als die griechischen Kykladen, wobei auch hier eine (fiktive) Privatinsel direkt neben Mykonos den wichtigsten Schauplatz bildet.
Klar, die Wege der Ermittler müssen sich dort kreuzen: Die BKA-Männer suchen eine verschwundene Urlauberin, die Detektivin soll einen Mann finden, der sich, vor Jahren (angeblich) zu Unrecht freigesprochen, abgesetzt hat. Gruber ist ein versierter Erzähler. Action verbindet sich bei ihm mit kleineren intellektuellen Puzzles und Frotzeleien unter Kollegen. Was dieses Buch jedoch besonders macht, ist die Figur eines mysteriösen Künstlers, der auf der Insel lebt. Seine nicht nur morbiden, sondern auch mörderischen Skulpturen, gespeist aus der oft schaurig-bizarren Bilderwelt der griechischen Mythologie, sind nicht nur ein scharfer Kontrast zur hellen Inselidylle, sondern verleihen dem Roman einen sehr eigenwilligen Twist, der auch über manche Plotroutinen hinwegsehen lässt.
Montreal und das Packeis, rätselhafte Todesfälle in einer Mine in Nanuvik, hoch im kanadischen Norden, ein Inuit-Autor, der schon Bücher über die Autochthonen geschrieben hat - diese Kombination weckt die Neugierde. Michel Jean erzählt in "Schöne Melancholie" (Wieser, 220 S., geb., 21,- Euro) eine Geschichte von Liebe und Neuorientierung, sozialem Elend und politischer Unterdrückung, ohne plakativ zu werden, auf eine gekonnte, ruhige Weise.
Sein Buch ist nicht so sehr getrieben von einem Krimiplot, sondern von den inneren und äußeren Bewegungen der Charaktere, die alle sorgfältig gezeichnet sind - vom Schadensbegrenzer Arnauld, der mal ein idealistischer Anwalt werden wollte und nun als Mittvierziger für Unternehmen bei selbst verschuldeten Fehlern die passende PR-Strategie entwickelt, bis zu seiner jungen Geliebten, deren Mutter, erfolgreichen Unternehmern unter Druck und den Indigenen, mit deren prekären Lebensumständen Arnauld bei seiner Krisenintervention in der eisigen Wildnis konfrontiert wird. Nicht nur für Arnauld wird sich am Ende manches geändert haben. PETER KÖRTE
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