Tiefgehendes und provokantes Werk über die Komplexität von Recht und Gerechtigkeit.
Ist unser Rechtssystem wirklich immer gerecht? Oder müssen wir manchmal etwas nachhelfen, wenn Gesetze nicht ausreichen, um zu einem gerechten Ergebnis zu kommen?Elisa Hoven, Professorin für Strafrecht an der Universität Leipzig und Richterin am Sächsischen Verfassungsgerichtshof, hat bereits in "Dunkle Momente" zentrale Fragen des Rechts und der Gerechtigkeit aufgeworfen: Können Täter auch Opfer sein? Und wie verändert sich unser Rechtsempfinden, wenn wir einen Sachverhalt aus einem anderen Blickwinkel betrachten?Auch in "Feine Risse" begleiten wir wieder die Strafverteidigerin Eva Herbergen. Diesmal ist sie in sieben sehr verschiedenen Strafprozessen im Einsatz, die sowohl ihr als auch unser Rechtsempfinden auf die Probe stellen. Die Fälle werden in einem ähnlichen Erzählstil präsentiert: Zunächst wird der Tathergang aus der Perspektive der betroffenen Personen geschildert, bevor Eva Herbergen aktiv wird. Am Ende jedes Falls erwartet sowohl Eva als auch uns Lesende eine überraschende Wendung.In der Rahmenhandlung stößt Eva auch in ihrem privaten Umfeld auf einen Kriminalfall, den es zu lösen gilt. Die Fälle sind durchweg juristisch interessant und bieten eine Vielzahl an Denkanstößen zu verschiedenen Themen: Wie stehen wir zu Selbstjustiz und Folter, wenn ein Kinderleben auf dem Spiel steht? Wann beginnt die Schuld, und lässt sie sich immer klar abgrenzen und beweisen? Ist das Prinzip der Rechtssicherheit auch dann richtig, wenn neue Beweise auftauchen, die aus einem scheinbaren Unfall einen Mord machen?Andererseits: Was wären wir ohne unser Rechtssystem, auch wenn es nicht perfekt ist?Der Satz auf Seite 275 macht es deutlich: "Bereits ein feiner Riss im Recht konnte zu einem Bruch werden."Sprachlich empfand ich das Buch als ebenso angenehm wie die dunklen Momente.Die Rahmenhandlung hat mich allerdings nur bedingt überzeugt.Fazit:Abschließend lässt sich sagen, dass "Dunkle Momente" von Elisa Hoven ein tiefgehendes und provokantes Werk über die Komplexität von Recht und Gerechtigkeit darstellt. Die Geschichte von Eva Herbergen regt nicht nur zur Auseinandersetzung mit der Rolle des Strafverteidigers an, sondern fordert uns auch auf, unser eigenes Verständnis von Moral und Verantwortung zu hinterfragen. Trotz kleinerer Schwächen in der Darstellung der Hauptfigur und der Rahmenhandlung bleibt das Buch eine lohnenswerte Lektüre für alle, die sich für die vielschichtigen Fragen des Rechtswesens interessieren und die menschliche Seite der Gerechtigkeit verstehen möchten. Ein nachdenklich stimmendes Werk, das noch lange im Gedächtnis bleibt. Insgesamt empfehle ich das Buch allen, die sich gerne mit den komplexen Grauzonen zwischen Recht und Unrecht auseinandersetzen. 4 / 5 Sterne