Düster, atmosphärisch und voller Geheimnisse. Maevyth hatte mein Herz sofort, Zevander brauchte etwas länger, zusammen waren sie grossartig
Nicht oft passiert es mir, dass ich mich in einer völlig neuen Fantasywelt so schnell zuhause fühle. Normalerweise brauche ich gerade bei komplexen Geschichten ein wenig Zeit, bis ich die Zusammenhänge verstehe und eine Verbindung zu den Figuren aufbauen kann. Bei Anathema war das anders. Schon nach den ersten Kapiteln hatte ich das Gefühl, dass mich diese Geschichte nicht mehr loslassen wird.Was mir den Einstieg unglaublich leicht gemacht hat, war Maevyth. Mit ihr war ich sofort warm. Sie ist keine Protagonistin, die versucht, stark oder unnahbar zu wirken. Sie fühlt sich echt an. Mit all ihren Zweifeln, ihrer Verletzlichkeit und ihrem Mut hat sie mich von Anfang an mitgenommen. Ich habe ihre Entscheidungen nachvollziehen können und hatte ständig das Bedürfnis zu wissen, wie es für sie weitergeht. Genau deshalb fiel es mir leicht, in diese düstere Welt einzutauchen.Mit Zevander war das bei mir ganz anders.Er blieb für mich anfangs deutlich schwerer greifbar. Seine Gedanken und sein Verhalten wirkten zunächst verschlossen und geheimnisvoll, sodass ich länger gebraucht habe, um wirklich einen Zugang zu ihm zu finden. Doch je mehr Schichten seiner Persönlichkeit sichtbar wurden, desto besser verstand ich, warum er so handelt. Rückblickend fand ich diese Entwicklung sogar sehr passend, weil sie ihm genau die Tiefe gegeben hat, die seine Figur gebraucht hat. Man muss ihn nicht sofort verstehen, genau das macht ihn interessant.Was Keri Lake hier erschaffen hat, ist keine Fantasy, die einem alles auf dem Silbertablett serviert. Diese Welt verlangt Aufmerksamkeit. Es gibt viele neue Begriffe, Geheimnisse und Zusammenhänge, die sich erst nach und nach erschliessen. Normalerweise kann mich so etwas auch einmal ausbremsen. Hier hatte ich jedoch nie das Gefühl, den Faden zu verlieren. Stattdessen wurde meine Neugier mit jedem Kapitel grösser. Ich wollte verstehen, wie diese Welt funktioniert, welche Rolle die einzelnen Figuren spielen und welche Wahrheiten noch verborgen liegen.Besonders beeindruckt hat mich die Atmosphäre.Sie ist düster, geheimnisvoll und stellenweise beinahe bedrückend, ohne jemals ihre Faszination zu verlieren. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, ständig beobachtet zu werden. Über allem liegt eine gewisse Schwere, die perfekt zur Geschichte passt. Gleichzeitig gibt es immer wieder Momente voller Hoffnung und Wärme, die einen daran erinnern, warum man trotz aller Dunkelheit unbedingt weiterlesen möchte.Auch die Beziehung zwischen den Hauptfiguren hat mir sehr gefallen. Sie entwickelt sich langsam und glaubwürdig. Nichts wirkt überstürzt oder aufgesetzt. Stattdessen wächst mit jeder gemeinsamen Szene das Vertrauen und genau dadurch haben mich viele ihrer Momente emotional viel mehr berührt, als es grosse Liebesgesten jemals gekonnt hätten. Ich liebe Geschichten, in denen sich Beziehungen entwickeln dürfen. In Anathema hatte ich genau dieses Gefühl.Keri Lake nimmt sich Zeit für ihre Figuren. Das merkt man auf jeder Seite. Niemand wirkt eindimensional oder dient nur dazu, die Handlung voranzutreiben. Jeder trägt seine eigene Geschichte mit sich, eigene Verletzungen und eigene Motive. Dadurch fühlt sich die Welt lebendig an und die Figuren bleiben im Gedächtnis.Besonders gefallen hat mir ausserdem der Schreibstil. Er ist bildgewaltig und atmosphärisch, ohne unnötig schwer zu wirken. Viele Szenen konnte ich mir unglaublich gut vorstellen. Es gab Momente, in denen ich völlig vergessen habe, wie viele Seiten ich bereits gelesen hatte, weil ich einfach immer weiter in diese Welt hineingezogen wurde.Natürlich ist Anathema kein Buch, das man einfach nebenbei liest. Die Geschichte fordert Aufmerksamkeit und manchmal auch Geduld. Gerade zu Beginn muss man sich auf die Welt einlassen und akzeptieren, dass nicht sofort jede Frage beantwortet wird. Für mich hat sich genau das aber gelohnt, weil jede neue Erkenntnis das Gesamtbild Stück für Stück erweitert hat.Wenn ich überhaupt einen kleinen Kritikpunkt nennen müsste, dann tatsächlich nur, dass ich deutlich schneller eine Verbindung zu Maevyth als zu Zevander aufgebaut habe. Während sie mich sofort erreicht hat, brauchte seine Geschichte etwas länger, bis sie mich genauso fesseln konnte. Sobald dieser Punkt jedoch überwunden war, funktionierte das Zusammenspiel der beiden für mich umso besser.Für mich ist Anathema eine Geschichte über¿ Hoffnung in einer Welt voller Dunkelheit¿ Vertrauen, das sich langsam entwickeln muss¿ Geheimnisse, die weit grösser sind, als sie zunächst scheinen¿¿ Figuren, die Fehler machen und gerade deshalb so authentisch wirken¿ und den Mut, seinen eigenen Weg zu finden, selbst wenn alles gegen einen spricht.Als ich das Buch beendet hatte, blieb bei mir vor allem eines zurück: dieses Gefühl, eine Welt verlassen zu müssen, in der ich noch viel länger hätte bleiben können. Genau solche Bücher sind für mich etwas Besonderes. Sie unterhalten nicht nur, sie schaffen Erinnerungen. Sie lassen einen über die Figuren nachdenken, noch lange nachdem die letzte Seite gelesen ist.Anathema hat mich mit seiner düsteren Atmosphäre, seinem aussergewöhnlichen Worldbuilding und seinen vielschichtigen Figuren vollkommen in seinen Bann gezogen. Es ist keine Geschichte, die laut sein muss, um Eindruck zu hinterlassen. Sie entfaltet ihre Wirkung leise, Stück für Stück und genau deshalb hat sie mich so tief berührt.¿¿¿¿¿ (4,5-5 Sterne)