Den Lodzermenschen gibt es nicht mehr. Erst verschwanden die Juden. Dann die Deutschen. Geblieben sind, bis 1945 arg dezimiert, die Polen. Das ist ein Zitat aus der WELT bereits vom 1.9.1999 (60. Jahrestag des Kriegsbeginns), Gerhard Gnauck hatte einen Überlebenden der Kämpfe des Warschauer Ghettos interviewt. Ich aber muss heute gestehen, der Begriff Lodzermenschen war mir nicht geläufig. Nun hat Andreas Kossert mit seinem Bericht über seine Großmutter Elsa bei mir nicht nur diese Bildungslücke beseitigt, sondern mich auf beeindruckende und faszinierende Weise unterhalten und gebildet, wie es selten geschieht. Kossert hatte bisher in seinen Büchern Vertreibung, Verlust der Alten Heimat (Ostpreussen, Masuren) und Flucht thematisiert, ich habe sie alle gelesen und sie haben mir immer das nahe gebracht, was meinen deutschen nichtjüdischen Verwandten geschehen ist. Mit der Geschichte seiner Großmutter Elsa aber verlässt er bewährte Pfade und begibt sich in die eigene Familiengeschichte. Er hat wahnsinniges Glück, seine Großmutter war eine Vorfahrin, die erzählte, die so gut wie alles, woran sie sich erinnerte für ihn wieder zum Leben erweckte. Und er hat den großen Vorteil, dass er Polnisch spricht und auch früher schon in Polen arbeitete, damit sind ihm für seine Recherchen zu diesem Buch kaum Grenzen gesetzt. Hinzu kommen viele zufällige und wunderbare Überlieferungen von Fotos und Urkunden. Dieses Glück hat nicht jeder, der recherchiert. Kosserts liebevolles Verhältnis zu seiner Großmutter, der Großvater war bereits früher verstorben, ist das Fundament dieses an Informationen und Details überbordenden Buchs. Aber Kossert belässt es nicht bei privaten Dingen, er gibt sehr viele politische und historische Einblicke in das Leben in Polen, das wahrlich nicht leicht zu verstehen ist. Ich selbst plage mich immer wieder mit den sogenannten polnischen Teilungen, mit Macht- und Systemwechseln, wenn ich zur eigenen Familiengeschichte Nachforschungen anstelle. Urkunden in drei verschiedenen Sprachen sind wirklich keine Seltenheit. Dass man in jedem Fall bei polnischen Archiven mehr findet als in deutschen und das wesentlich schneller und unkomplizierter, das bestätigt der Autor nachdrücklich. Man muss es dann nur noch lesen können.
Elsas Lebenslauf ist so interessant, als Leser fühlt man sich fast mit ihr verwandt, wenn man das Buch endlich aus der Hand legt. Selbst die Jahre nach 1945, die mit der Befreiung vom Faschismus eigentlich friedlich und gut werden sollten, arten aus in ein Schicksal, das man sich kaum vorstellen kann. Selbst als sie und ihr Mann, auch andere Familienmitglieder, in Deutschland endlich Fuß fassen, bleiben die Probleme der Vertriebenen nicht aus. Dass Elsa als junge Frau auch auf das Ghetto Litzmannstadt (so hieß Lodz unter deutscher Besetzung) schauen konnte und Leid und Elend vor der Tür hatte, ist bizarr, wenn man wie ich Familienmitglieder aus Berlin hat, die dorthin deportiert wurden und gestorben sind. Elsa gehört zu den Privilegierten außerhalb der Ghettomauern, nach der Befreiung wendete sich das Blatt für die sogenannten Volksdeutschen. Ich habe hier im Buch zum ersten Mal gelesen und verstanden, wie der Begriff Volksdeutscher überhaupt zu Stande kam: es wurde von den Nazis eine Volksliste erstellt, mit verschiedenen Kategorien der deutschen Volkszugehörigkeit. Elsa und ihre Familie waren keine Hundertprozentigen, sie bekamen als die volkstumsmäßig weniger stabil die Note 2. Im Krieg ein echtes Privileg, nach dem Krieg machte sie der Ausweis in Polen vogelfrei. Kossert gibt einen tiefen Einblick in dieses Dilemma, das mich sehr bewegt hat.
Kossert hat einen sehr angenehmen, ja einnehmenden Schreibstil, ich habe sein Buch sehr gern gelesen, aber von Zeit zu Zeit hatte ich den Wunsch, er würde sich etwas kürzer fassen und nicht zwei-, dreimal die gleiche Begebenheit behandeln.
Kossert, der Polnisch spricht, vergisst manchmal, dass seine Leser das nicht können. Seine Danksagung endet so Allen Lodzermenschen widme ich dieses Buch. Wie Else gesagt hätte: Bóg zapa! Ich habe nachgeschaut, Elses Worte heißen Gott segne Dich!.
Fazit: Eine große Leseempfehlung für jeden, der sich für deutsche Geschichte interessiert.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.