Ein Debütroman, der mich sofort in seinen Bann gezogen hat. Jennifer Segebrecht erzählt aus dem Stand die Geschichte dreier Generationen, die fesselnd und dramatisch ist. Es beginnt mit Ulrike, die kaum zwanzig ist und von einem Urlaub schwanger zurückkehrt in das konservative Bonn der 1960er Jahre und in den ebenso konservativen Haushalt ihrer Eltern. Es geschieht etwas, das ich mir nicht habe ausmalen können, denn ich bin aus Ostberlin: die Eltern vermitteln eine Ehe mit einem Ulrike vollkommen fremden Mann aus der besseren Gesellschaft. Zitat: »Wir werden keinen unehelichen Enkel haben. Wolfgang gibt dem Kind seinen Namen, und wir unterstützen euch monatlich mit einer gewissen Summe.« Das Kind Barbara kommt also als eheliches Kind zur Welt, aber die ist nicht schön, sondern wahrt nur den schönen Schein. Nachdem die Ehe geschieden ist, verlässt Ulrike mit einem türkischen Mann und ihrer kleinen Tochter Deutschland, um in Istanbul ihr Glück zu finden. Ihr Ehemann Adem ist jüdischer Abstammung, die politischen und kriegerischen Konflikte in Israel beschäftigen ihn sehr, und sie haben auch Auswirkungen auf das Leben der kleinen Familie. Aber Ulrike will sich wohlfühlen, für sie ist Istanbul der Rettungsanker. Die kleine Barbara vergöttert ihren Papa Adem, bald kommt ein kleiner Bruder, Danyal, zur Welt. Aber das Glück ist nicht von Dauer. Man zieht nach Deutschland, die Kinder werden ihrer Wohlfühlwelt und der geliebten Zugehfrau Kezban entrissen, es entstehen erste tiefe Wunden, auch als Barbara erfährt, dass Adem nicht ihr leiblicher Vater ist.
Die Zeiten wechseln in diesem Roman, man geht zwischen den sechziger und siebziger Jahren hin und her, Barbara wird erwachsen, heiratet, bekommt selbst eine Tochter und Danyal verschwindet aus dem Sichtfeld. Barbaras Tochter, Charlie genannt, ist es, die zu Ulrike, die 2018 im Krankenhaus liegt und es nicht mehr verlassen wird, eine Verbindung aufgebaut hat, sie überspringt damit die tiefen Kluften, die zwischen Ulrike und Barbara entstanden sind.
Aus der Sicht von Ulrikes Enkeltochter Charlie wird die Geschichte erzählt, die sich langsam entfaltet wie ein Blume im Licht. Wie viele seelische Verletzungen jede der drei Frauen erfahren hat, warum sie einander nie richtig nahegekommen sind, das herauszufinden, fordert die junge Frau in einer Weise, der sie kaum gewachsen ist. Zu psychischen Problemen gesellt sich eine Liebe, die immer öfter Kummer macht, ihr Freund Oliver versteht ihr Befindlichkeiten immer weniger.
Betrachte ich den gesamten Roman, empfinde ich eine gewisse Überfrachtung durch die Geschichte des Danyal. Sie fährt hoch, nimmt Bezug auf seine fragile Existenz und verschwindet ohne Nachhall. Ohne diesen Zusatz im Roman wäre noch etwas mehr Platz gewesen für die Mütter-Töchter-Beziehungen. Die Beziehung zwischen Ulrike und ihrer eigenen Mutter kam sehr kurz, diese Generation legt jedoch den Grundstein für alles was im Roman folgt.
Ich habe vor kurzem den biografischen Roman von Miriam Carbe Unerwünschte Töchter gelesen, es drängten sich mir Vergleiche auf, insbesondere was das Verschweigen gegenüber den Töchtern angerichtet hat. Jennifer Segebrecht hat einen Roman, keine biografische Abhandlung geschrieben, aber die Ähnlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen. Für mich, die ich mit Mutter und Großmutter, aber ohne Vater, großgeworden bin, sind manche Ereignisse und Gespräche gut nachvollziehbar. Generationenkonflikte spielen sich oft ähnlich ab, auch wenn es vollkommen andere Familienkonstellationen sind.
Fazit: Mich hat das Buch sehr berührt, ich habe es gern gelesen, es ist auf eine schöne Art alltäglich geschrieben, strahlt Empathie und Authentizität aus. Leseempfehlung.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.