Eiskalte Monster von Jørgen Jæger ist ein norwegischer Kriminalroman, der mich vor allem mit seiner bedrückenden Ausgangssituation neugierig gemacht hat. Eine Frau, die vor ihrer Vergangenheit flieht, ein abgelegenes Dorf und dieses immer stärker werdende Gefühl, dass die vermeintliche Sicherheit nur eine Illusion ist, ist genau die richtige Grundlage für einen düsteren skandinavischer Krimi.
Im Mittelpunkt steht Anne Dahl, die gemeinsam mit ihrer elfjährigen Tochter Thea unter einer neuen Identität im norwegischen Hinterland lebt. Sie versucht, ihrem gewalttätigen Ex-Mann zu entkommen und endlich ein sicheres Leben aufzubauen. Doch plötzlich gibt es Anzeichen dafür, dass genau diese Sicherheit bedroht sein könnte. Parallel dazu stoßen Ole Vik und Cecilie Hopen auf einen Fall, der immer beunruhigender wird.
Besonders gut gefallen hat mir die beklemmende Atmosphäre. Die norwegische Kulisse passt einfach hervorragend zu dieser Art von Geschichte. Abgeschiedenheit, Kälte und das Gefühl, dass Hilfe nicht unbedingt direkt um die Ecke wartet, verstärken Annes Angst zusätzlich. Dabei braucht Jæger gar nicht ständig große Schockmomente. Oft reicht schon das Wissen, dass möglicherweise jemand näher ist, als er sein sollte.
Gerade Annes Situation fand ich ziemlich bedrückend. Sie hat bereits versucht, alles hinter sich zu lassen, ihr Leben zu verändern und ihre Tochter zu schützen und trotzdem scheint die Vergangenheit sie nicht loszulassen. Dadurch entsteht eine Form von Spannung, die weniger von Action als von Angst, Misstrauen und permanenter Wachsamkeit lebt.
Man beginnt automatisch, gemeinsam mit Anne auf Kleinigkeiten zu achten. Ist das gerade wirklich ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt? Ist ihre Angst berechtigt? Oder sorgt die Vergangenheit dafür, dass sie überall eine Gefahr sieht? Dieses Spiel mit der Wahrnehmung hat für mich richtig gut funktioniert.
Gleichzeitig bekommt man mit Ole Vik und Cecilie Hopen die klassische Ermittlungsseite eines skandinavischen Krimis.
Mir hat vor allem die Mischung gefallen. Auf der einen Seite steht Annes sehr persönliche Angst, auf der anderen die Ermittlungen. Dadurch betrachtet man die Ereignisse aus unterschiedlichen Richtungen und versucht natürlich irgendwann selbst herauszufinden, wo die einzelnen Fäden zusammenlaufen.
Mit seinen 433 Seiten ist Eiskalte Monster allerdings kein besonders kurzer Krimi. Das merkt man stellenweise auch. Die Geschichte nimmt sich Zeit für ihre Figuren und Ermittlungen und entwickelt ihre Spannung eher kontinuierlich, anstatt von einem Höhepunkt zum nächsten zu springen. An einigen Stellen hätte es für meinen Geschmack deshalb durchaus etwas schneller vorangehen dürfen. Gleichzeitig sorgt genau dieses langsamere Erzählen aber dafür, dass sich das ungute Gefühl immer weiter aufbauen kann. Und je mehr man erfährt, desto deutlicher wird, dass die Geschichte wesentlich unangenehmer ist, als sie zunächst vielleicht erscheint.
Besonders gelungen fand ich, dass das Buch seine Spannung aus einer erschreckend realistischen Bedrohung zieht. Es braucht keine übernatürlichen Monster. Manchmal sind Menschen schließlich beängstigend genug.
Auch wenn mich nicht jede Passage gleichermaßen fesseln konnte, hat mir der Auftakt insgesamt richtig gut gefallen. Vor allem die nordische Atmosphäre, die psychologische Komponente und das Zusammenspiel zwischen persönlichem Drama und klassischer Ermittlungsarbeit machen neugierig darauf, Ole Vik und Cecilie Hopen weiter zu begleiten.
Wer skandinavische Krimis, intensive Ermittlungsarbeit und Geschichten mit einer düsteren, psychologisch beklemmenden Atmosphäre mag, sollte sich Jørgen Jægers Reihe definitiv einmal genauer anschauen.
Von mir bekommt Eiskalte Monster 4 von 5 Sternen.