Hat mich an einigen Stellen tief berührt, ich habe nur etwas gebraucht, um ins Buch zu kommen.
"Super einsam" von Anton Weil ist ein Roman über Einsamkeit, Liebe, Trauer, Aufbruch und tatsächlich - wie es das Cover verspricht - eine wilde Irrfahrt durch die Psyche einer ganzen Generation.Vito will raus aus Kreuzberg, raus aus seinem Leben. Nach einer Trennung fühlt er sich nirgends mehr wohl und hat auch keinen Rückhalt von seiner Familie. Mit seinem Vater ist es schwierig und seine Mutter ist gestorben, als er jugendlich war. Zurückgelassen hat sie einen Koffer, den Vito bis jetzt nicht angerührt hat. Richtig glücklich war er nur in Frankreich - dort will er wieder hin. Aber eigentlich weiß er nicht so richtig, was sein Platz auf dieser Welt ist und was er wirklich will. ("Was soll ich auf dieser Welt, Papa?")Der Schreibstil ist am Anfang zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftig. Wir sind sehr nah an Vito dran und manchmal konnte ich seinen Gedanken nicht ganz folgen. Manchmal wusste ich nicht genau, ob es sich um einen Traum oder die Wirklichkeit handelt - denn Vito verliert sich sehr oft in (Tag-)Träumen und surrealen Szenen. Dabei entstehen auch sehr absurde Szenen, beispielsweise als plötzlich Tom Schilling im Auto auftaucht, der mit Vito im Berliner Dialekt spricht. Oder als die Frau, die Vito im Zug in Gedanken Gisela nennt, wirklich Gisela heißt. Anton Weil konnte mich an vielen Stellen mit seinem Humor abholen. Nach einiger Zeit bin ich in den Flow gekommen und wollte diese Irrfahrt nicht mehr aus der Hand legen.Vito irrt eigentlich in so ziemlich jeder Situation in seinem Leben umher: Seine Jobs macht er nur halbherzig, er ist oft betrunken, seine Sexualität verunsichert ihn, er hat ein komisches Verhältnis zu seinem Vater, Freundschaften scheint er nicht wirklich zu pflegen. Dabei kristallisiert sich aber eigentlich schnell heraus, dass er einfach nur geliebt werden will. Und dass er den Tod seiner Mutter nicht verarbeitet hat. Einerseits konnte ich mich an vielen Stellen mit ihm identifizieren, beispielsweise wenn er in Gedanken Gespräche zerdenkt, die gar nicht stattgefunden haben oder stattfinden werden. Andererseits war mir beispielsweise der übermäßige Alkoholkonsum fremd. Seine Zerrissenheit und die Zweifel konnte ich aber immer spüren.Eine Passage im Text, die auf formaler Ebene den speziellen Schreibstil zeigt und auf inhaltlicher Ebene, was sich Vito so sehr wünscht und wie wirr seine Gedanken manchmal sind, ist folgende: "Wobei die Kirche im Dorf absolut keine Hilfe ist, weil die Kirche da im Dorf, zu der ist mein Opa ja gegangen, nachdem er meinen Vater einmal so doll geschlagen hat, dass die Nase geblutet hat, und der Pfarrer hat gesagt: "Ach, so ein paar Schläge haben noch keinem geschadet", und da merke ich, wie mir das Blut aus der Nase läuft, und möchte zu dieser Dorfkirche und das ach so heilige Mauerwerk mit Kopfnüssen zertrümmern, bis alles rot ist, alles einschlagen. [...] aber im Hier und Jetzt als Mann Ende sechzig, spreng doch einfach mal deine eigenen Schutzmauern kaputt. Wie wärs denn damit [...] Und ganz vielleicht könntest du mich dann auch umarmen." Hier zeigt sich auch das schwierige Verhältnis zu seinem Vater. Es ist für beide Seiten nicht leicht, sich körperliche Nähe zu zeigen oder darüber zu reden, was einen wirklich beschäftigt.Eine weitere Stelle, an der Vito mit seiner Einsamkeit ringt und ihm klar wird, dass nur er hier ist und vielleicht genau das das Problem ist: "Alles ist okay. Du bist noch da. Aber vielleicht ist genau das ja das Problem? Entrückt von der Welt, verlassen von den guten Geistern, noch da, wo alle weg sind."Anton Weil hat wirklich auch schöne Sätze geschrieben, mit Sprache gespielt, Sätze geschrieben, die im Gedächtnis bleiben: "Ich hab Angst loszulassen, denn das könnte bedeuten, dass das auch mein Ende ist. Also wenn man erst mal so mit dem Loslassen anfängt. Vielleicht lass ich dann aus Versehen alles los, und dann ist es auf einmal zu spät und vorbei, weißt du." Diese Stelle zeigt auch den psychologischen Charakter des Buches und welche Gedanken Vito plagen.Ein Gedanke, mit dem ich mich besonders identifizieren konnte und der vielleicht tatsächlich viele Leute meiner Generation plagt: "Wieso gibt es eigentlich immer Wäsche im Wäschekorb, die man nicht wäscht, und dann noch den Haufen daneben mit der Wäsche, die man schnell waschen sollte, aber nicht wäscht, und dann je nachdem, wie die psychische Verfassung ist, auch noch einen dritten Haufen, den man vielleicht waschen würde, wenn man die anderen Haufen gewaschen hätte."Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto mehr beschäftigt sich Vito mit dem Verlust seiner Mutter und seiner Trauer. Innegehalten habe ich bei folgender Passage: "Kurz vor der Beisetzung hab ich die Urne in einem ungestörten Moment vorsichtig aufgemacht. Ich wollte sehen, wie viel übrig bleibt von einem Menschen, der für mich die Welt, aber für die Welt nur ein Mensch war. Nicht viel." Hier sitzt jedes Wort und geht ganz tief ins Herz hinein.Vitos Herumirren ist für mich mehr als nur eine Generationenbefindlichkeit, es resultiert aus der fehlenden Aufarbeitung des frühen Todes seiner Mutter. Mich beschäftigt die Lektüre von "Super einsam" noch einige Tage nach Beenden des Buches und ich bin sehr neugierig, was Anton Weil als Nächstes schreibt.