Ein hochaktueller, kluger und mitreißender Roman über Freundschaft, Zugehörigkeit und Aktivismus.
"Orca" von Franziska Gänsler steht völlig zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 und ist für mich vor allem eines: ein kluger, beklemmender und unglaublich vielschichtiger Roman. Cora trifft während Corona auf Olympia. Aus der Begegnung entwickelt sich schnell eine enge Freundschaft, später kommt Ariel dazu. Cora bewundert die beiden, möchte dazugehören und findet in ihrer Freundschaft genau das, wonach sie sich schon lange sehnt: Anerkennung und Gemeinschaft. Doch je stärker ihr Wunsch nach Zugehörigkeit wird, desto mehr verliert sie sich selbst. Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt, die sich nach und nach annähern. In der Gegenwart arbeitet Cora in einem Supermarkt an der Fleischtheke, während sie in der Vergangenheit dank eines Stipendiums eine Privatschule besucht und gemeinsam mit Olympia und Ariel in die Welt des Klimaaktivismus gerät. Nach und nach wird enthüllt, welche Ereignisse schließlich zu Olympias Verhaftung geführt haben. Dabei steckt in "Orca" so unglaublich viel: Mädchenfreundschaft, Zugehörigkeit, Selbstinszenierung, Abhängigkeit, Klassismus und Klassenunterschiede, Klimaschutz und Aktivismus von gewaltfrei bis radikal. Auch das geheimnisvolle Elson-Haus und ein Netzwerk aus Menschen, die Informationen weitergeben und aufeinander angewiesen sind, spielen eine wichtige Rolle. Besonders beeindruckt hat mich Coras innere Zerrissenheit. Sie beobachtet ihr Umfeld ganz genau und passt sich immer wieder den Menschen an, deren Anerkennung sie sucht. Ihr Faible für Markenfälschungen wird dabei fast zu einem Sinnbild für ihren eigenen Versuch, jemand anderes zu sein. Cora möchte dazugehören und ist bereit, dafür immer mehr von sich selbst aufzugeben. Irgendwann werden auch moralische Grenzen immer unwichtiger. "Ariel und Olympia waren ein wir, und ich war allein." Die Spannung entsteht hier nicht durch eine Aneinanderreihung großer Ereignisse, sondern vor allem durch psychologische Beobachtung. Die Handlung bleibt lange unvorhersehbar und entwickelt eine ganz eigene Sogwirkung. Franziska Gänsler schafft dabei eine düstere, beklemmende Atmosphäre, die fast klaustrophobisch wirkt und einem beim Lesen immer wieder einen leichten Schauer über den Rücken jagt. Für mich war "Orca" kein Buch, das ich einfach schnell weglesen konnte. Ich habe zwischendurch zurückgeblättert, über Geschehnisse nachgedacht und versucht, Verbindungen herzustellen. In diesem Roman steckt unglaublich viel, ohne überladen zu wirken. Ganz überzeugen konnte mich die Geschichte zwar nicht in allen Punkten und auch die Handlungen der Figuren waren für mich nicht immer nachvollziehbar oder vertretbar. Trotzdem fand ich gerade die komplexe Figurenzeichnung und die vielen aktuellen gesellschaftlichen Themen beeindruckend. Für mich steht am Ende vor allem eine Frage im Raum: Wie weit würden wir gehen, um dazuzugehören und von anderen angenommen zu werden? Ein hochaktueller, kluger und mitreißender Roman über Freundschaft, Zugehörigkeit und Aktivismus. Und ganz klar: Jetzt möchte ich unbedingt auch die bisherigen Bücher von Franziska Gänsler lesen.