Eigentlich wollte ich Jetzt beginnt das Leben" von Alex Schulman nur nebenbei lesen. Daraus wurde nichts: Jedes Mal, wenn ich das Buch aufgeschlagen habe, hat es mich in einen Sog gezogen, und plötzlich waren wieder 100 Seiten vorbei.
Zum Inhalt nur so viel: Vidar, aus der Bahn geworfen und beruflich suspendiert, stellt fest, dass er über die Nummer des alten Sommerhauses seiner Familie mit einem bestimmten Tag seiner Kindheit verbunden ist. Anruf für Anruf versucht er, diesen Tag zu rekonstruieren.
Besonders gelungen finde ich, wie schnell die Geschichte auf den Punkt kommt und trotzdem die Spannung hält. Bis zum Schluss fragt man sich, was an diesem einen Tag eigentlich so einschneidend war. Genau darin liegt für mich die Stärke des Romans: Er zeigt, dass es nicht Dutzende Erlebnisse braucht, um einen Menschen zu prägen. Ein einziges Ereignis kann reichen, selbst wenn die Kindheit sonst voller schöner Momente war. Man kann gegen diese Prägung arbeiten, aber dafür muss man sie sich erst bewusst machen.
Schulmans Stil ist schlicht und unaufgeregt, ohne verschnörkelte Sprache oder lange Schachtelsätze. Dadurch ist der Roman sehr zugänglich und liest sich fast von allein. Genau das macht den Sog aus, denn die einfache Sprache lässt Raum für das, was zwischen den Zeilen und in der Spannung der Geschichte steckt.
Kritisch sehe ich die Figurenzeichnung: Die Mutter wird für mein Empfinden stark dämonisiert, während der Vater vergleichsweise harmlos wirkt. Dabei hat sein Verhalten, vor allem seine ständige Abwesenheit, das Handeln der Mutter mit bedingt. Natürlich trägt auch sie Verantwortung, aber eben nur ihren Teil. Diese Differenzierung hat mir gefehlt, und sie schmälert die Authentizität der Familienkonstellation etwas.
Interessant war das Buch für mich dennoch, weil es zeigt, wie sehr Erinnerungen unser heutiges Handeln steuern, ohne dass wir es merken.
Fazit: Ein fesselnder, kompakter Roman über kindliche Prägung, den ich allen empfehle, die psychologisch dichte Familiengeschichten mögen und über Erinnerung und Verantwortung nachdenken wollen. Wer eine ausgewogene Perspektive auf alle Figuren erwartet, könnte sich, wie ich, an der Schieflage stören.