Dieser Roman, der durchaus als historischer Roman bezeichnet werden kann, ist in Benetzko, einem Dorf im Riesengebirge angesiedelt. Zu Beginn der Erzählung ist Benetzko Teil des Königreich Böhmens, also Österreich-Ungarns, weshalb viele Menschen zweisprachig aufwachsen. Eine deutliche Unterscheidung nach deutschen und Tschechen tritt erst mit dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Donaumonarchie zu Tage, in der nun deutschsprachige Familien benachteiligt werden. In den 1930er-Jahren bringt der Aufschwung der NSDAP in Deutschland, der Annexion des Sudetenlandes sowie die spätere vollständige Okkupation der Tschechoslowakei eine Kehrtwende, die Vorteile für die deutsche Bevölkerung bringt. Das wird, wie man an Hans Hollmann sieht, weidlich ausnützt, in dem er Nutznießer der Enteignung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung ist. Auch die tschechischen Bewohner Benetzko werden drangsaliert. Wie man aus der Geschichte weiß, entlädt sich die Wut der Tschechen nach der Niederlage des NS-Regimes, in dem man die deutschen Bewohner der Tschechoslowakei innerhalb weniger Tage vertreibt. Blaupausen für die Vertreibung haben die Tschechen ja bei den Deutschen gesehen und gelernt - siehe Beneš-Dekrete oder Brünner Todesmarsch.
Noch leben die Familien von Benetzko mehr oder weniger friedlich nebeneinander, sind miteinander verschwägert. So heiraten die beiden Freundinnen Anežka Braun und Zdenka Honcu, die Brüder Hans und Vinzenz Hollmann. Es scheint, als hätte Anežka mit dem geschäftstüchtigen Hans das große Los gezogen, während Zdenka mit dem grobschlächtigen und gewalttätigen Vinzenz zurecht kommen muss.
Alice Horáková lässt uns in diesem 880 Seiten starken Roman an Fragmenten ihrer Familiengeschichte teilhaben. Wir lernen auf empathische Weise einzelne Personen kennen und gleichzeitig erfahren wir einiges über das schwere Leben im Riesengebirge, das mit: "Ein halbes Jahr schneit es, den Rest des Jahres ist es kalt" wohl ein wenig zynsich beschrieben wird. Immerhin wird im Riesengebirge seit langer Zeit begeistert Wintersport betrieben. Hier flicht die Autorin den Tod des bekannten Schiläufers Bohumil Han (1886-1913), der bei einer Schitour erfroren ist und eine Legende in Benetzko ist, ein.
Der Roman wimmelt nur vor Personen, die alle eine größere oder kleiner Rolle spielen. Männer, die wildern, um den kargen Speisezettel mit kostenlosen Fleisch bereichern, von ungeliebten Schwiegermüttern, von Benachteiligten und Profiteuren, von Widerständlern und Kollaborateuren sowie von Frauen, die die Hauptlast in diesen Jahrzehnten tragen.
Alice Horákovás Erzählstil ist geradlinig und schnörkellos. Sie wechselt mehrmals die Perspektive, so dass wir beide Seiten kennenlernen dürfen. Aus der Distanz der Jahrzehnte ist nicht leicht, den Charakteren viel Tiefe zu verleihen. Ich orte hier eine persönliche Befangenheit einer Nachgeborenen, die sich lieber an Zahlen, Daten und Fakten hält, denn an all zu intensive Emotionen. Für mich passt das gut. Ich kenne einige Familien, die ähnliches miterleben mussten.
Geteiltes Haus ist ein Roman, der zeigt, wie die Zentrierung auf die eigene Nationalität, die Sicht auf andere verstellt. Das Buch ist passend zur Frankfurter Buchmesse 2026, bei der Tschechien das Gastland gewesen ist, erschienen.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem historischen Roman, der Anleihen am Schicksal von Alice Horákovás Familie nimmt, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.