
Besprechung vom 19.12.2024
Obacht, Oktopus!
Anne Cathrine Bomanns Liebesgeschichte "Rosa"
Dies könnte eine ganz normale Geschichte einer ganz normalen, etwas schräg ins Leben gebauten jungen Frau sein. Der Konjunktiv legt nahe, dass es nicht so ist. Und nie so sein wird. Denn Vigga, so heißt die junge Frau aus Kopenhagen, die ihre Wurzeln immer noch im Sommerhaus ihrer Oma hat (das verbindet sie mit vielen jungen dänischen und alleinstehenden Frauen), wird von der Arbeitsverwaltung von einem Gelegenheitsjob in den anderen, von einem mehrmonatigen Praktikum in das andere geschubst: Sie möchte nirgendwo bleiben. Lieber in den Tag hineinhängen und träumen. Und versuchen, einem Mann, den sie Eierstirn nennt und der sie beim Jobcenter zu betreuen hat, möglichst weder telefonisch noch real begegnen zu müssen. Zwischendurch sich mit ihrer einzigen Freundin, Maiken, treffen. Sie beim Abschied so lange umarmen, bis jene fast aus den Socken kippt. Bisschen rauchen und zwischendurch das asiatische Essen zu sich nehmen, dass Daniel, Maikens Freund, mitgebracht hat.
Doch Eierstirn will etwas für sie und seine Statistik tun; sie landet für ein berufliches Praktikum, das sechs Monate dauern soll, in Dänemarks Nationalem Aquarium, das "Der Blaue Planet" (Den Blå Planet) heißt. Dort ist alles zu bestaunen, was die Ozeane bevölkert und belebt; weniger angenehm für Vigga ist, dass sie gefrorene Fische zerschneiden muss, mit denen die Insassen der großen Meeresshow zu füttern sind. Besonders unangenehm für die klare vegetarische bis vegane Haltung Viggas sind ergänzenderweise Mittagspausen, in denen der für die Seeotter zuständige Aquariumskollege sich ein Stück gebratenes Fischfilet aufs Brot packt und dick Remoulade darauf schmiert: "Auf einmal kommt mir das Ganze komplett aberwitzig vor; da sitzt er hier in einem Gebäude voller Fische, für deren Wohlergehen er täglich sorgt, vor diesem trockenen, toten Stück Fisch, das er sorgfältig auf seinem Brot drapiert hat." So macht man sich unter Kollegen keine Freunde; das allerdings hat Vigga auch gar nicht vor. Sie möchte unauffällig und rasch den Kram hinter sich lassen können und ihrem Hanging-around-Leben wieder nachgehen können.
Bis sie eines Tages, angeleitet von Johannes, einem freundlichen und sozial sehr kompetenten Oberaufseher im Aquarium, dem Oktopusweibchen Rosa erst in der Phantasie, dann real näher kommt. Denn Rosa berührt Vigga: "Rosa verharrt einige Sekunden in ihrer Warteposition, dann legt sich die äußerste Spitze eines Arms auf meinen Handrücken. Er ist dünn und elastisch, die Haut fühlt sich fest und beinahe trocken an." Die beiden, junge Frau und Oktopusweibchen, entwickeln eine sehr sensible und auf Balance achtende Beziehung. Wie sich Rosa verfärbt und mit dem ihr zur Verfügung stehenden Farbenspektrum im Körper spielt, um die Aufmerksamkeit von Vigga zu bekommen, wie Vigga sich, fast von einem auf den anderen Tag, von einer sich selbst genügenden Eigenbrötlerin zu einer Rosa zugewandten Kreatur entwickelt, das gehört zu den sehr berührenden Lesemomenten.
Der Roman wird immer wieder unterbrochen durch kursiv gedruckte Sachpassagen, aus denen man viel über Oktopusse und deren Intelligenz und Gefühlsleben erfahren kann. Die dänische Schriftstellerin und Psychologin Anne Cathrine Bomann, Jahrgang 1983, setzt dieses Verfahren klug disponierend ein, um die fortschreitende starke Empathie mit diesem ungleichen Paar, das sechshundert Millionen Jahre Evolutionsdifferenz zu überwinden hat, ein wenig abzufangen.
Denn die Geschichte von Rosa und Vigga ist auch die (Parallel-)Geschichte ihrer Freundin Maiken, die - ungefähr zu der Zeit, da Vigga und Rosa sich richtig, also wahrnehmend und fühlend, begegnen - schwanger wird. Als Maikens Kind gesund und munter geboren wird, jagt sich die Krake Rosa in den Tod, denn Oktopusweibchen begehen Selbstmord, wenn sie ihre Eier abgelegt haben. Sie können, wollen, dürfen nicht anders; es gehört zu den Rätseln der Evolution, dass dem so ist.
Mit diesen beiden ungleichen Mutterschaften und einem Wiederfinden von Maiken und Vigga endet dieser kluge kleine Roman, dessen viele erzählerische Nebenlinien (zum Beispiel die Zuflucht zum Sommerhaus) sich selbst steuern wie die Tentakel eines Oktopus. Sie steuern auf die Erkenntnis hin, dass das Anthropozän allmählich vorbei zu sein hat. Wenn man will, ist das ein zutiefst humaner Gedanke. Der dieses Buch zur Gänze durchzieht. Und dafür seine Leser begeistert. STEPHAN OPITZ
Anne Cathrine Bomann: "Rosa". Roman.
Aus dem Dänischen von Franziska Hüther. Hanserblau, München 2024. 240 S., geb.
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