Thilda ist eine Halbwaise, ihre Mutter starb vor Jahren unter mysteriösen Umständen. Ihr Vater ist neu verheiratet und ihre Stiefmutter, die ihre beiden Töchter mit in die Beziehung brachte, und die beiden Stiefschwestern machen ihr das Leben zur Hölle. Sie verstecken Diebesgut in ihrem Zimmer und dann, eines Tages, Drogen. Doch ihr Vater glaubt ihr nicht. Für ihn ist sie eine Diebin und nun auch noch ein Junkie, eine Grenze, die er tief in den Sand gezogen hat.
Thilda wird fortgeschickt auf ein Internat. Das Bearbind Lyceum, ein uraltes, spukiges Schloss. Und wenn Thilda dachte, zuhause wäre es ihr schlecht ergangen, so wird sie eines besseren belehrt auf ihrer neuen Schule ...
Internatsgeschichten gibt es zu Hauf, keine Frage. Die waren schon immer hoch im Kurs. Ich erinnere mich noch daran, wie die Mädchen, mit denen ich in der Grundschule war, ganz besessen waren von Hanni & Nanni. Kann ich wenig zu sagen, nur habe ich mich jetzt gerade wohl als eine ganz alte Matrone geoutet. Dann kam natürlich Hogwarts mit Harry Potter, und diese Romane liebe ich bis heute (und ehrlich, ich habe diese Bücher seit über 10 Jahren, Freunde, ich werde sie jetzt nicht wegschmeißen, weil deren Autorin sich unfein online geäußert hat. An mir verdient sie eh nichts mehr.).
Was also ist neu an diesem Roman? Ich würde sagen, auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten Blick so ziemlich alles. Auf den ersten Blick ist es ein ganz normaler Fantasy-Internatsroman. Gibt's hunderte von. Dann aber, wenn man beginnt zu lesen, wird schnell klar, hier handelt es sich um etwas neues. Etwas, was zumindest mir noch nicht untergekommen ist abgesehen von meiner eigenen Schulzeit.
Und wieder schiebe ich einen Teil meines Lebens ein, sorry! Wer's nicht lesen möchte, der springe zum nächsten Absatz. Ich konnte mich sehr gut in Thilda hineinversetzen, weil ich während meiner Schulzeit ähnliches erlebte. Es fing an mit den Mitschülern, griff schnell auf andere Klassen über. Ich wurde, wie man es heute nennt, gemobbt. Meine Sachen wurden zerstört, weggeworfen, ich selbst "gehänselt" (sorry, ich finde dieses Wort immer noch zu milde für das, was ich zu hören bekam). Mit 14 war ich dann soweit, dass ich nur noch weg wollte und riss von zu Hause aus. Nicht wegen meiner Eltern oder meiner Geschwister, sondern weil ich es in der Schule nicht mehr aushielt. Allerdings wurde ich schnell von der Polizei wieder eingesammelt und nach mehreren Gesprächen entließen die Beamten mich wieder in die Obhut meiner Mutter. Von einem Jugendrichter wurde mir Therapie aufgebrummt. Was sich sonst änderte? Nichts. Ich musste weiter für zwei Jahre auf die gleiche Schule gehen. Und doch hatte sich dort alles geändert, denn nachdem der Rektor involviert wurde, gab er einen Freifahrtschein aus. Was das bedeutete? Ich hatte es nicht nur mit meinen versammelten Mitschülern zu tun, sondern plötzlich auch noch mit den Lehrkräften, die begannen, ins gleiche Horn zu tuten wie die Schüler. Willkommen in der Hölle. Als ich später mein Abi nachmachte und es als Absolvent in die Zeitung schaffte, hat mir tatsächlich meine ehemalige Klassenlehrerin gratulieren wollen. Ich kotzte fast über das Kassenband! Sie war eine der schlimmsten gewesen, nichts konnte ich ihr recht machen, gar nichts.
Und nun zurück zum Buch. Thilda hat es also nicht nur mit mobbenden Mitschülern zu tun, auch ein Teil des Lehrapparats mischt fleißig mit. Und als würde das nicht reichen, erfährt sie dann auch noch, dass ihre Mutter eine hochbegabte Hexe gewesen ist, die genau in diesem Internat ihre Ausbildung erfuhr. Eine Ausbildung zur Hexe, die Thilda von der Internatsleiterin unter dem Vorwand verwehrt wird, dass besagte Mutter einen so großen Frevel begangen habe, dass eine Blutschande verhängt worden ist (Blutschande in diesem Zusammenhang bedeutet, dass niemand Thilda in ihren magischen Kräften ausbilden wird). Und dann wird Thilda auch noch ein Dschinn angehext!
Mobbing und Freundschaft sind elementare Themen, die eigentlich in jedem Roman zu finden sein sollten, gerade in in Kinder- und Jugendbüchern. Letzteres findet man eigentlich überall, ersteres ... mir zumindest noch nicht untergekommen, dabei lasse ich mich aber auch gern belehren. Vielleicht habe ich auch einfach den richtigen Roman noch nicht gefunden. Wobei ... ich habe ihn hier gefunden. In Thildas Kampf gegen die Ungerechtigkeit, für die sie nicht einmal etwas kann. Und dies schafft die Autorin ausgezeichnet, Thildas Verzweiflung rüberzubringen. Man leidet als Leser mit ihr, freut sich, als sie dann doch, wider Erwarten, Freunde findet. Wenige, aber hoffentlich echte. Dass die Schulleitung weiter gegen sie arbeitet mit einem Hass, der an Besessenheit grenzt.
Dieser Roman ist so vielschichtig, ich könnte hier ein weiteres Buch darüber schreiben. Ich finde allerdings vor allem eines: dieser Roman ist wichtig. Wichtig wegen der Mobbingthematik, wegen der Einsamkeit und dem seelischen Schmerz, der da ausgelöst wird. In der Leserunde bei Lovelybooks schrieb ich, dass meine Schulzeit heute immer noch ein nicht unwichtiger Grund ist, warum ich mich seit vier Jahren in Therapie befinde. Und das stimmt. Nicht nur die Schule, in der Zeit passierte eine Menge in meinem Leben, aber ein wichtiger. Seitdem habe ich Schwierigkeiten, mich wahrzunehmen, es sei denn ich verletze mich selbst. Seit dieser Zeit habe ich kein Selbstwertgefühl, sondern habe die letzten 38 Jahre damit verbracht, mich zu zerstören. Und ich bin weder ein Sonder- noch ein schwer Fall. Mobbing zerstört Leben mindestens genauso gut wie eine Vergewaltigung. Und das ist eine Lektion, die ich niemandem wünsche.