Wow, was für ein Buch! Der Titel hält was er verspricht und geht dabei noch so viel tiefer als ich zunächst erwartet hatte. Aber eins nach dem anderen.Was hatte ich den überhaupt erwartet? Eine Geschichte über eine Vorstadt Mutti, die extrem unter Druck gerät und dann ihr Lügenkonstrukt aufarbeiten muss. Dann habe ich wieder dran gedacht, dass das Buch ja aus dem Programm des Pola Verlags ist und somit garantiert tiefer gehen wird und damit hatte ich recht!Unsere Protagonistin Clove ist Überlebende von familiärer Gewalt. Ihre Kindheit und Jugend war bestimmt von ihrem gewalttätigen Vater. Dementsprechend hat sie Coping-Strategien entwickelt die sie geschützt haben und für die meisten Leser:innen sicherlich zu teilen seltsam anmuten.Dennoch und gerade deswegen ist es hier so unfassbar spannend ihr durch ihren Alltag zu folgen. Doch nicht nur das, denn als Leser:in steigen wir genau an dem Tag ein, an dem ihr so sorgfältig konstruiertes Kartenhaus beginnt in sich zusammen zu fallen. Was wir ab da lesen ist eine unglaublich gekonnt inszenierte Studie einer Frau unter Druck, die eigentlich keinerlei Druck mehr ertragen kann."Ich spielte mit, wenn er alle Frauen als verrückt bezeichnete, als sei ich nicht auch eine Frau."Chelsea Bieker hat es geschafft eine Protagonistin zu erschaffen der man nicht immer nah sein muss um sie zu fühlen. Viele von Cloves schon wahnhaft anmutenden "Rettungsleinen", wie das akribische darauf Achten was man zu sich nimmt und ihre übertriebene Angst davor ihren Kindern könnte etwas geschehen, kenne ich leider auch nur all zu gut von mir. Und so fühlte ich mich selbst ein ums andere Mal ertappt (wenn auch nicht aus den gleichen Gründen und nicht in dieser Heftigkeit. Zum Glück.)"Ich brauchte diese Stimmen in den Podcasts, um meine eigene Stimme nicht zu hören, die mir nur schlimme und verrückte Dinge zurraunte,..."Denn alles was Clove tut ist der tragische Versuch Kontrolle über ihr Leben zu erlangen, zu behalten und das in Situationen die sich jeglicher Kontrolle entziehen.Dadurch, dass wir Clove aus der Ich-Perspektive quasi beim Denken zu hören, können wir ihren Druck nachempfinden. Das war mir persönlichen an mancher Stelle schon schmerzhaft zu nah dran und gerade dadurch so, so gut (ich hoffe ihr wisst was ich meine).Sobald man erst mal im Sog von Cloves Geschichte gefangen ist kann man nicht mehr wirklich damit aufhören, zu sehr möchte man wissen wie es denn nun weitergeht.Dabei ist Biekers Schreibstil sehr hilfreich, denn er lässt sich sehr gut schnell lesen und ist dabei auch noch wirklich schön.Mehr als nur einen Satz habe ich in meine persönliche Zitatesammlung übernommen. Pointiert und messerscharf versteht Bieker es die Welt um Clove herum durch ihre Augen zu sezieren und oft schmerzhafte Wahrheiten auf den Punkt zu bringen. Ihr Schreibstil ist wirklich lesenswert.Spannend fand ich auch, dass fast alle Personen mit Namen genannt werden, aber die zu denen Clove eine tiefer gehende Bindung hat (mal abgesehen von den Kindern) haben keine Namen. Ihr erster Freund ist der Metzger, ihr Mann, ihr Mann usw. Gerade so als wollte Clove genau diese Menschen nicht zu nah an sich ran lassen, sie nicht zu menschlich werden lassen, mit eigenen Namen. Denn Menschen, die einem nahe stehen, können einem Schmerzen zu fügen (so meine Hobby Psychologische Deutung).Die Triggerwarnungen bezüglich familiärer Gewalt sollte man allerdings wirklich ernst nehmen. Leichte Kost ist das Buch nicht. Dafür eins, das einen noch lange gedanklich begleiten wird.Ich wünschte ich hätte dieses Buch in einer Leserunde gelesen. Ich glaube hier gäbe es viel Potenzial für Diskussionen. "Die Welt ist nicht für Mütter gemacht."Einzig ein paar Details gegen Ende fand ich dann doch zu "zufällig" wodurch ich einen halben Stern von 5 Sternen abziehe.Daher 4,5 Sterne von mir.Fazit: Ein spannendes Psychogramm einer Überlebenden familiärer Gewalt unter Druck. Spannend bis zur letzten Seite und großartig geschrieben. Wenn ihr einen Buchclub habt, lest es gemeinsam!