Claudia Rikl ist, wie sie erzählt, zu diesem historischen Roman durch ihre eigene Familiengeschichte inspiriert worden. Die Autorin nimmt ihre Leserschaft in drei Zeitebenen (1945/1987 und Gegenwart) in die Geschichte einer dysfunktionalen Familie mit, die vor allem durch Sprachlosigkeit und fehlender Herzenswärme gezeichnet ist.
Der Roman ist die Geschichte eines Traumas, das am Ende des Zweiten Weltkrieges beginnt und über die Jahrzehnte wie eine schwärende Wunde keine Heilung erfährt, erfahren kann, weil Mutter Irma über die Ereignisse nicht sprechen kann. Weder mit ihrem Ehemann noch mit ihren Töchtern Nina und Katja.
1987, nach einem Sommerurlaub an Irmas Geburtsort Arnau, heute Hostinné, in der damaligen Tschechoslowakei, bei der die Familie entdeckt, dass ihre Mutter fließend tschechisch spricht, geschieht einiges Unvorhergesehenes, über das geschwiegen wird. Warum stellt niemand die Frage nach den Sprachkenntnissen? Tschechisch ist ja nicht unbedingt eine Sprache, die man nebenher lernt.
Wenig später zerreißt es die fragile Familie endgültig, wie wenig später die DDR. Katja macht im Westen Karriere und der Ehemann verlässt den traurigen Rest seiner Familie. Nina, die ältere der Schwestern kümmert sich um ihre Mutter, die zusehends immer tiefer in Depressionen versinkt. Sie stellt ihre eigenen Bedürfnisse stets zugunsten jener der Mutter zurück. Nur einmal, hat sie sich durchgesetzt. Statt Medizin zu studieren, ist sie Schauspielerin geworden.
Als die unnahbare Irma stirbt, fällt ihre Tochter Nina selbst in ein tiefes schwarzes Loch. Obwohl, oder vielleicht genau deswegen, weil die Belastung, ihre depressive Mutter zu pflegen, wegfällt, rebelliert ihr eigenen Körper. Nina verliert das wichtigste Instrument einer Schauspielerin - ihre Stimme. Krank geschrieben, stöbert sie in der Hinterlassenschaft und findet ein paar vergilbte Fotos und ein Rechenbuch. Neugierig macht sie sich auf eine Reise nach Tschechien, um den wenigen Spuren, die ihre Mutter hinterlassen hat, zu folgen.
Meine Meinung:
Obwohl ich natürlich aus zahlreichen Biografien bzw. historischen Romanen und Zeitzeugenberichten weiß, was in den Tagen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der deutschstämmigen Bevölkerung in der Tschechoslowakei passiert ist, ist es dennoch sehr interessant zu lesen, was Irma als Kind erlebt hat. In abwechselnden Rückblenden erfahren wir Details aus Irmas Kindheit und welche Dynamik aus der Tragödie entwickelt hat. Dieses transgenerationale Trauma, das auch beinahe Ninas Leben zerstört hat. Gleichzeitig eröffnet diese Reise nach Arnau, dem heutigen Hostinné, die Möglichkeit, einer Versöhnung der beiden Schwestern. Beide haben die jeweils andere als bevorzugtes Kind gefunden sowie des Verrats schuldig am Zerwürfnis verdächtigt. Dass hier ganz andere Mechanismen im Spiel sind, ist ihnen nicht bewusst.
Für mich, die sich schon länger mit Epigenetik und transgenerationalen Traumata beschäftige, ist die Auflösung sehr gut gelungen. Allerdings liegt vor den beiden noch ein langer Weg, mit den neuen Erkenntnissen umgehen zu lernen und eine neue Beziehung zueinander aufzubauen.
Die Autorin zeigt eindrucksvoll, welche Auswirkungen unausgesprochene Wahrheiten haben können. Vor allem kleine Kinder nehmen an, zum Beispiel an einer Trennung der Eltern schuld zu sein, oder es verdient zu haben, dass das Geschwisterkind augenscheinlich mehr geliebt wird als es selbst. Hier wären die Erwachsenen gefordert, den Kleinen zu helfen, in dem sie ihnen Vertrauen und Liebe schenken. Doch das ist ihnen oft, wie im Fall von Irma, nicht möglich, weil sie selbst emotional bedürftig sind.
Die Charaktere wirken authentisch, vor allem weil sie kaum eine emotionale Bindung zueinander aufbauen können. Auch die eine oder andere Leserin wird hier ihre Schwierigkeiten haben, Zuneigung oder Nähe zu den Figuren zu entwickeln. Das ist für mich aber die große Kunst der Autorin, keine rührselige Geschichte zu erzählen, sondern eine doch sachliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auszufechten.
Fazit:
Gerne gebe ich dieser komplexen Familiengeschichte 5 Sterne.