
David Wojnarowicz gibt den Misfits Amerikas eine Stimme
Es sind die späten 70er, Wojnarowicz lebt auf der Straße, zieht kreuz und quer durch ein riesiges, verkommenes Amerika. Die Illusionen ist er los, aber die Menschen, die er trifft, liebt er, unbeirrbar - die Stricher, Pfarrer, Junkies, Soldaten, Trucker, Träumer, Ausreißer, die sich irgendwie durchschlagen, gestrandet in Bars und Stundenhotels, auf Hinterhöfen, an den Rändern der Gesellschaft, auf den gottverlassenen Nebenschauplätzen des Lebens.
Ihnen allen gibt Wojnarowicz Stimme und Würde, indem er ihre Begegnungen in einen grellen Bilderstrom aus fiktiven Monologen verwandelt - es sind unfassbare Geschichten, flirrend fremdartig und verstörend vertraut, über ein Land, das jeden Moment einzustürzen droht.
Mit tiefer Ehrlichkeit und halluzinatorischer Intensität erzählt David Wojnarowicz - der überlebensgroße, legendäre Künstler, Bilderstürmer und Aktivist - von Menschen, die nirgends dazugehören, von Aufbruch und Verzweiflung und von harscher Schönheit, wo niemand sie vermuten würde.
Besprechung vom 08.02.2026
Balladen von Außenseitern und Sonderlingen
Künstler, Fotograf, Autor, Aids-Aktivist: Jetzt erscheinen die legendären "Waterfront Journals" von David Wojnarowicz auf Deutsch, in denen er aus den düsteren USA der Siebzigerjahre erzählt.
Das Mädchen, das seit Jahren auf der Suche nach einem unbestimmten Freiheitsgefühl durchs Land reist. Der junge Hustler, der vergewaltigt wird von einem Mann, der sich als Polizist ausgibt. Die Frau, die von ihrem Ehemann in die Psychiatrie eingewiesen wird und sie ohne seine Zustimmung nicht wieder verlassen kann: Sie alle sind Figuren in den "Waterfront Journals" von David Wojnarowicz, in denen er von Menschen am Rande der Gesellschaft erzählt. Die kurzen, monologischen Geschichten, zumeist in New York City, aber auch in anderen Städten der USA angesiedelt, liefern flüchtige Einblicke in den von Gewalt und verstohlenem Sex geprägten Alltag von Prostituierten, schwulen Männern, Drogenabhängigen und Kriminellen.
Inhaltlich erinnert das alles an das berühmteste Lied von Lou Reed, "Walk On The Wild Side" aus dem Jahr 1972, in dem der New Yorker Popkünstler von Drag Queens und Hustlern erzählt, eine "Ballade von Außenseitern und Sonderlingen", wie es die "New York Times" einst formulierte. Auch wenn es bei Reed glamouröser zugeht, immerhin besingt er Andy Warhols Superstars, beschreiben Wojnarowiczs düstere Balladen eine ähnliche Zeit und Szene - die "Waterfront Journals" wurden erstmals 1982 (unter anderem Titel und mit weniger Storys) herausgegeben, die geschilderten Begegnungen datieren aber weiter zurück.
Wojnarowicz, 1954 in New Jersey geboren, wuchs in einer zerrütteten Arbeiterfamilie mit einem brutalen Vater auf - "eine typische Herkunft für einen Serienmörder", wie die New Yorker Koryphäe Fran Lebowitz, die ihn gut kannte, einmal gestichelt hat. Bereits als Jugendlicher verdingte er sich am Times Square, damals ein berüchtigtes Rotlichtmilieu, ab 1971 lebte Wojnarowicz komplett auf der Straße. Später tat er sich in der neu entstehenden Kunstszene von Downtown Manhattan als Fotograf, Maler, Filmemacher, Musiker, Performer und Autor hervor.
Nachdem in den Achtzigerjahren immer mehr Menschen in seiner Umgebung an HIV erkrankten, darunter sein engster Vertrauter, der 1987 verstorbene Fotograf Peter Hujar, wurde Wojnarowicz auch zum Aktivisten gegen die Reagan-Regierung, die HIV-Infizierte wie Aussätzige behandelte.
Bei dieser Biographie wundert nicht, dass die Geschichten durchzogen sind von Gewalt und Einsamkeit; seine Zeit in den Straßen New Yorks ließ Wojnarowicz nie los, davon zeugen die "Waterfront Journals". Die Vielzahl an Anekdoten - es sind rund fünfzig - mit ähnlichen Erfahrungen haben einen doppelten Effekt. Beim Lesen entwickelt sich ein Sog, der stark umgangssprachliche Ton macht sie zu Beichten, als würde man den Figuren im Café oder auf einer Bank am Hudson River lauschen. Allerdings ähneln sich die Storys, von denen er einmal bekräftigte, sie seien "alle wahr ", in ihrer Sprache und Drastik auf Dauer doch sehr. Fast wichtiger als die literarische Ambition ist das politische Fundament, auch wenn Wojnarowicz das wahrscheinlich gar nicht explizit so vorhatte: Er gibt marginalisierten Menschen eine Stimme, die sonst nicht gehört wurden.
Es ist schön, dass Suhrkamp dieses Buch erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Trotzdem muss man sich über die Ausgabe wundern. Von der Neuauflage des Originals wurde nur das nichtssagende Vorwort des Autors Philip Hoare übernommen, nicht aber der Text von Olivia Laing ("Die einsame Stadt"), in dem die Kunstszene in Manhattan eingeordnet und die Notwendigkeit betont wird, Artefakte dieser durch Aids hart getroffenen Subkultur zu archivieren. Zudem holpert die Übersetzung an mehreren Stellen. Marcus Gärtner versucht, die Umgangssprache der Siebzigerjahre zu imitieren und verwendet dazu altbackene Formulierungen wie "ordentlicher Vorbau", "hübscher Bengel", "Stinkefinger" oder "gegenseitig Abblasen", was wenig gemein mit dem Straßenslang der Vorlage hat. Auch der Humor geht teilweise verloren. So werden Drogen plötzlich in einem "Drogenladen" (was soll das sein?) verkauft statt ironisch in "candy stores". Und richtig ärgerlich wird es, wenn "Drag Queen" ohne Not mit einer Beleidigung übersetzt wird.
Die "Waterfront Journals" zeigen Wojnarowiczs sehr rauen, mitunter aber auch zärtlichen Blick auf die Welt. Denn bei all der Dunkelheit schimmert in vielen Erzählungen ein anderes Gefühl durch: die heimliche Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Hoffentlich wird das Buch dem Künstler hierzulande zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen und Suhrkamp (umsichtigerer übersetzt) auch das Nachfolgewerk "Close To The Knives" dem deutschsprachigen Publikum wieder zugänglich machen, ein Meilenstein queerer Autofiktion, das vor zwanzig Jahren auf Deutsch lediglich im Kleinstverlag mox & maritz erschien.
David Wojnarowicz starb am 22. Juli 1992 ebenfalls an einer Aids-bedingten Krankheit. Die letzten Worte seines Buchs aus der längsten, eindeutig autobiographischen Geschichte sind fast prophetisch: "Meine Augen sind schon immer Reklametafeln für einen frühen Tod gewesen." ISABELLA CALDART
David Wojnarowicz, "Waterfront Journals". Aus dem Englischen von Marcus Gärtner. Suhrkamp, 186 Seiten
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