Wie viel Meinung darf man äußern
In seinem Roman beschäftigt sich Dennis Kornblum mit einem äußerst aktuellen Thema. Er thematisiert die extremen Gegensätze in der modernen Gesellschaft, in der es nur noch klare Trennungen zwischen Gut und Schlecht gibt, und in der Toleranz sowie Meinungsvielfalt nicht mehr vorhanden sind.Der polarisierende Schriftsteller Jascha Wrobel sorgt in einer Talkshow des öffentlich-rechtlichen Fernsehens für einen heftigen Skandal. Ungefähr neun Wochen nach diesem Ereignis reflektieren ein Moderator und der Journalist Hagen über die Ursachen und Auswirkungen der Auseinandersetzung in der Talkrunde. In diesem Dialog wird Schritt für Schritt analysiert, wie es zu der Eskalation kam und welche Ereignisse möglicherweise zuvor stattgefunden haben.Ein langanhaltender Konflikt besteht ebenfalls zwischen Wrobel und der Journalistin Jasmina Lorentz, die sich zu seiner vehementesten Kritikerin entwickelt hat. Sie wirft ihm immer wieder problematische Äußerungen zu heiklen gesellschaftlichen und politischen Fragen vor, unterstellt ihm ideologische Agitation und Frauenfeindlichkeit und stellt letztlich seine künstlerische Verantwortung sowie seine fachlichen Fähigkeiten in Frage. In einem aufsehenerregenden Online-Artikel äußert sie sich zudem sehr persönlich über Wrobels türkischstämmige Ehefrau.Schließlich eskalierte dieser Konflikt wenige Wochen später in einer legendären, dreizehnminütigen Live-Sequenz während der Talkshow.Der Roman "Der Eklat" spiegelt wider, was in vielen gesellschaftlichen Bereichen gegenwärtig erkennbar ist: Spaltungen, extreme Polarisierungen, seelische Wunden und Ereignisse, die niemand herbeisehnen sollte. Durch ein aktuelles Interview mit einem Journalisten wird die Entstehungsgeschichte des Eklats in der Talkshow aufgedeckt. Sowohl die Figur des Interviewten als auch die Rückblenden verdeutlichen, dass Dennis Kornblum stark mit direkter Rede arbeitet.Dabei hat der Autor den Archetyp des Skandalautors als Grundlage gewählt und untersucht sowohl die öffentliche Diskussion als auch das konfliktreiche, bewegte Innenleben seiner Hauptfigur Wrobel in klarer, direkter Ausdrucksweise. Auf diese Weise fungiert der Roman als Spiegelbild der gesellschaftlichen Zerrissenheit und der Empörungskultur.Ein Spannungsbogen in "Der Eklat" entsteht bereits dadurch, dass zu Beginn von einem außergewöhnlichen Ereignis und einem ebenso außergewöhnlichen Schriftsteller die Rede ist. Konkrete Informationen darüber erhalten die Leser jedoch erst im Verlauf der detailreichen und mit pseudo-intellektuellen Ausdrücken gespickten Seiten. Die Rückblenden, die die Vorgeschichte beleuchten, schaffen es dabei, ebenso fesselnd zu sein wie die Hauptgeschichte.Das Lesevergnügen wird leider durch einen suboptimalen Buchsatz und das Layout beeinträchtigt. Der Roman enthält keine Kapitel, die den Lesern normalerweise eine kurze Pause ermöglichen, um über das Gelesene nachzudenken. Dadurch ist es besonders im ersten Drittel des Buches schwierig, zwischen der ersten Ebene des Interviews und den Rückblenden zur Vorgeschichte von Wrobel und Lorentz zu unterscheiden. Zwar wird in den Rückblenden die direkte Rede reduziert und ein Erzähler tritt auf, aber durch die Gestaltung des Buchsatzes wird dies nicht deutlich. Das ist bedauerlich.Trotzdem empfehle ich diesen Roman allen, die sich mit den aktuellen Themen von Gegensätzen und geringer Toleranz jenseits der bundesdeutschen Medien auseinandersetzen möchten.© Detlef Knut, Düsseldorf 2026