
Besprechung vom 16.06.2026
Was Evangelikale und Muslimbrüder gemeinsam haben
Der Religionssoziologe Detlef Pollack lotet die Abgründe des religiösen Fanatismus aus
Religiöse Fundamentalisten haben ein ambivalentes Verhältnis zur Moderne. Das ist eine der Einsichten, die der Band des Religionssoziologen Detlef Pollack über religiösen Fundamentalismus bereithält. "Die mobilisierende Kontrastfolie ist stets die westliche Moderne, von der sich die fundamentalistischen Gruppen entschieden abgrenzen, die sie selektiv aber auch rezipieren", schreibt der Altmeister der Religionssoziologie.
Nach Pollacks Definition bestehen Fundamentalisten auf ihrer "exklusiv gültigen und unhinterfragbaren religiösen Wahrheit". Sie grenzen sich von anderen religiösen Überzeugungen ab und grenzen diese aus, sie kämpfen gegen die Moderne (was Teilübernahmen nicht ausschließt), halten die eigene Weltanschauung für überlegen, argumentieren und urteilen dualistisch, werten die Gegenwart ab und pflegen "das Narrativ eines moralischen Verfalls und die Hochschätzung einer in der Vergangenheit liegenden idealen Norm".
All das trifft auf die Islamisten zu, deren Aufstieg Pollack in den ersten drei Kapiteln nachzeichnet. Pollack schildert, wie sich in Ägypten, das 1922 formell unabhängig wurde, "Gefühle der politischen und ökonomischen Ohnmacht" mit "Gefühlen der kolonialen Demütigung und Erniedrigung" vermischten. Das ist der Nährboden, auf dem Hasan al-Bannas Bewegung entstand: die Muslimbrüder. Pollack listet auf, dass sie Schulen, Gewerkschaften und Krankenversicherungen schufen und so paradoxerweise zu einer "modernisierenden Kraft" wurden. "Diese Gleichzeitigkeit von Modernerezeption und Moderneablehnung ist typisch für viele fundamentalistische Bewegungen", schreibt er. Sie zeige, dass es sich bei ihnen "um Reaktionen auf und Verarbeitungsformen von Prozessen der Modernisierung handelt". Es sind gerade Einsichten wie diese, die Pollacks Band lesenswert machen.
Das Verhältnis zur Moderne spielt auch im vierten Kapitel eine Rolle, das sich mit den Evangelikalen in den Vereinigten Staaten auseinandersetzt. Pollack beschreibt, wie christliche Fundamentalisten die moderne Welt abwerten, "was die Nutzung moderner Techniken und Organisationsformen nicht ausschließt". Die "Megachurches" zum Beispiel schafften eine "Wohlfühlatmosphäre" mit großen Parkplätzen, Kinderbetreuung und perfekt inszenierten Gottesdiensten. Gleichzeitig sei es erforderlich, "sich von der säkularen Kultur, die die Megachurches auf diese Weise bedienen, religiös auch wieder abzugrenzen". Das geschehe durch eine "Zentrum-Peripherie-Struktur". Nach außen würden Zugangsbarrieren gesenkt, und im inneren Kreis gehe es um "Bibelfestigkeit, mediale Schulung, missionarischen Erfolg und um Aufstieg innerhalb der Hierarchie".
Unerwartet ist eine andere Parallele zwischen christlichen und islamischen Fundamentalisten: Konservative Christen nehmen sich "als die am stärksten verfolgte Gruppe in den USA wahr, stärker verfolgt als Afroamerikaner oder Muslime", schreibt der Religionssoziologe. Das führt er darauf zurück, dass sie den Anspruch erheben, dass die Vereinigten Staaten eigentlich ihr "weißes christliches Land" seien. So wie ihr Verbündeter Trump behaupten sie einen politischen, ökonomischen und moralischen Verfall Amerikas, verklären die Vergangenheit und erwarten ein goldenes Zeitalter, wie Pollack schreibt.
Das Versprechen der Wiederherstellung angeblicher früherer Größe gibt auch der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill I., der Pollack zufolge mithilfe einer religiös-fundamentalistischen Rhetorik den Angriffskrieg gegen die Ukraine rechtfertigt. Pollack geht darauf im fünften Kapitel ein, das Fundamentalismus in Ost- und Westeuropa behandelt. Im europäischen Raum sieht Pollack fundamentalistische Tendenzen vor allem in den orthodoxen Kirchen Russlands, Serbiens und Griechenlands, aber auch in anderen orthodox geprägten Ländern. Mit Blick auf Westeuropa und Deutschland konzentriert Pollack sich wegen der Größe des Phänomens auf Fundamentalismus unter hier lebenden Muslimen.
Grundsätzlich macht Pollack strukturelle Ähnlichkeiten unter religiösen Fundamentalisten sichtbar, zeichnet aber ein differenziertes Bild. Er warnt beispielsweise davor, ein "allzu schematisches Bild von den Evangelikalen, Charismatikern und Neofundamentalisten zu entwerfen". Und er weist an anderer Stelle ausdrücklich darauf hin, dass es "gewaltaffine und gewaltvermeidende Fundamentalismen" gibt, wie etwa an den religiös nationalistischen Teilen der israelischen Siedlerbewegung und den ultraorthodoxen Charedim zu erkennen sei, um die es im sechsten Kapitel geht.
Pollack rückt immer wieder schiefe Wahrnehmungen zurecht. Zum Beispiel wenn er im siebten und letzten Kapitel auf die westeuropäische Illusion eines religiös pluralistisch-toleranten Indiens eingeht, das zwar Mahatma Gandhi hervorgebracht hat, aber auch gewaltbereite Hindu-Nationalisten.
Es lohnt sich, den kenntnisreichen und - nur dem Umfang nach - schmalen Band zur Hand zu nehmen und mit Pollack in die Abgründe des religiösen Fundamentalismus zu blicken. TOBIAS SCHRÖRS
Detlef Pollack: Religiöser Fundamentalismus. Geschichte, Erscheinungsformen, Hintergründe.
C.H. Beck Verlag, München 2026. 128 S.
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