Er schreckte wie üblich aus dem Schlaf hoch. Starrte an die gewölbte Decke. Wo war er - die Frage stand ohne Dringlichkeit im Raum. Sein Verstand war da, und dann wieder nicht, wie ein schwaches Radiosignal. Rauschen, sich verstärkendes Rauschen. Dann wurde der Empfang allmählich besser. Einstellen, einstellen - hallo. Tune in, Tokyo. (S. 19)In David Hastings Hirn verschwimmen die Konturen zusehends. Unkontrolliert und zusammenhangslos schieben sich Zitate und längst vergangene Ereignisse vor die gegenwärtigen Dinge, die eigentlich seine Aufmerksamkeit bräuchten.Eine Hand auf seiner Schulter - es war Cody. Außer Atem, die Haut an seinem Hals gerötet, wie sie es manchmal war.Ich habe nach ihnen gesucht, sagte er.Vorwurf/Nicht-Vorwurf.Ich bin hier, sagte David in sanftem Ton.Annabel war nicht hier, begriff er plötzlich. Er begriff das und vergrub es tief.Ihr Essen ist oben. Essen - er bedachte das. Es stellte sich keine Klarheit ein. (S. 91)David ist sich bewusst, dass es ihm immer schwieriger fällt, sich in der Welt zurechtzufinden. Er will sterben, so lange er noch fähig ist, diese Entscheidung zu treffen und tritt aus diesem Grund seine letzte Reise an: "In die Schweiz".Autorin Emma Cline beschreibt diese Reise in der 3. Person Singular, also mit einer gewissen Distanz, und bleibt gleichzeitig ganz nah an David und seinem dementen Gehirn, das ungeordnet von Reizen, Wörtern, Erinnerungen und Beobachtungen geflutet wird. Die Orientierung in diesem sprachlichen Wirrwarr ist nicht einfach, zumal keine Redezeichen gesetzt werden, und führt gleichzeitig ganz eindrücklich vor Augen, wie schlimm es für Betroffene sein muss, denen der Verstand, irgendwann der Körper und somit das ganze Leben entgleitet.Ihr Hotel lag in der Altstadt. Altstadt: Cody sagte das, als ob David es etwas bedeutete. Altstadt: so ziemlich, was sein Gehirn mittlerweile war. Ein Ort, wo die Vergangenheit vorherrschte. Sie war interessanter, lebendiger. Sein aktuelles Selbst war zum jetzigen Zeitpunkt bloß ein Tourist in seinem alten Leben, der gegenwärtige Moment nur als Portal in die Vergangenheit zwangsverpflichtet. (S. 234)"In die Schweiz" könnte ein Roman sein, der sich mit dem Thema Pro oder Kontra Sterbehilfe beschäftigt und verweigert sich diesem komplett. Die Frage wird viel allgemeingültiger und persönlicher: Was bleibt von einem Leben? Was bleibt ohne Kontrolle über sich? Was bleibt, wenn Beziehungen zerbrechen? Was haben wir überhaupt im Griff? Was bringen Erfolge, wenn das Ende ein ruhmloses ist?Inhaltlich ist dieses Buch somit eher ein schweres, sprachlich verlangt es eine hohe Aufmerksamkeit - und doch lässt es sich flüssig weglesen. Einen klassischen Spannungsbogen gibt es nicht, aber es mangelt auch nicht an interessanten Aufhängern: wie wird das geplante Treffen mit seiner Tochter ausfallen? Wie das Wiedersehen mit seinem früheren Studienfreund? Wieso will er überhaupt so dringend noch einmal mit ihm reden?Mir hat gefallen, wie die Autorin mit Wiederholungen spielt, wie sie anfänglich noch völlig unklare Satzfetzen irgendwann in einen Kontext bringt, wie neutral sie Davids Leben Revue passieren lässt. Der Ton ist klar, teilweise philosophisch, und driftet erfreulicherweise nie ins Sentimentale, Mitleidige oder Pathetische ab.So verwischt der Mann auf dem perfekt gewählten Cover aussieht, so nebulös bleiben manche Situationen. Einige Szenen hätten aus meiner Sicht noch einer Auflösung bedurft, einige andere Szenen wiederum waren mir zu langatmig erzählt. Die Botschaft wäre bei einer geringeren Seitenzahl wahrscheinlich noch bewegender gewesen.Doch insgesamt ist "In die Schweiz" ein starkes Stück Literatur über Demenz und das selbstgewählte Ende eines Lebens. Eines, das eindrücklich vorführt, wie schnell und leicht die Pläne und Vorstellungen über das Leben zusammenstürzen können.Und hier, in dieser Zwischensaison des Lebens, erzählten sie einem alle, man solle sich auf den gegenwärtigen Moment konzentrieren. Ihm blieb kaum etwas anderes übrig. Diese Fähigkeithätten sie einem ruhig schon früher beibringen können - stattdessen überfielen sie einen damit, mit einer rabiaten Korrektur des ursprünglichen Mandats. (S. 99)