Emma Cline beschreibt David Hastings letzte Reise eine Reise in die Schweiz in der 3. Person Singular, also mit einer gewissen Distanz, und bleibt gleichzeitig ganz nah an David und seinem dementen Gehirn, das ungeordnet von Reizen, Wörtern, Erinnerungen und Beobachtungen geflutet wird. Die Orientierung in diesem sprachlichen Wirrwarr ist nicht einfach, zumal keine Redezeichen gesetzt werden, und führt gleichzeitig ganz eindrücklich vor Augen, wie schlimm es für Betroffene sein muss, denen der Verstand, irgendwann der Körper und somit das ganze Leben entgleitet.
In die Schweiz könnte ein Roman sein, der sich mit dem Thema Pro oder Kontra Sterbehilfe beschäftigt und verweigert sich diesem komplett. Die Frage wird viel allgemeingültiger und persönlicher: Was bleibt von einem Leben? Was bleibt ohne Kontrolle über sich? Was bleibt, wenn Beziehungen zerbrechen? Was haben wir überhaupt im Griff? Was bringen Erfolge, wenn das Ende ein ruhmloses ist?
Inhaltlich ist dieses Buch somit eher ein schweres, sprachlich verlangt es eine hohe Aufmerksamkeit und doch lässt es sich flüssig weglesen. Einen klassischen Spannungsbogen gibt es nicht, aber es mangelt auch nicht an interessanten Aufhängern: wie wird das geplante Treffen mit seiner Tochter ausfallen? Wie das Wiedersehen mit seinem früheren Studienfreund? Wieso will er überhaupt so dringend noch einmal mit ihm reden?
Mir hat gefallen, wie die Autorin mit Wiederholungen spielt, wie sie anfänglich noch völlig unklare Satzfetzen irgendwann in einen Kontext bringt, wie neutral sie Davids Leben Revue passieren lässt. Der Ton ist klar, teilweise philosophisch, und driftet erfreulicherweise nie ins Sentimentale, Mitleidige oder Pathetische ab.
So verwischt der Mann auf dem perfekt gewählten Cover aussieht, so nebulös bleiben manche Situationen. Einige Szenen hätten aus meiner Sicht noch einer Auflösung bedurft, einige andere Szenen wiederum waren mir zu langatmig erzählt. Die Botschaft wäre bei einer geringeren Seitenzahl wahrscheinlich noch bewegender gewesen.
Doch insgesamt ist In die Schweiz ein starkes Stück Literatur über Demenz und das selbstgewählte Ende eines Lebens. Eines, das eindrücklich vorführt, wie schnell und leicht die Pläne und Vorstellungen über das Leben zusammenstürzen können.