Atmosphäre, Plot und Emotionen! Hier stimmt einfach alles. Ein Jahreshighlight!
Meine Eltern hat es nie in die Berge gezogen. Da ich nur das Meer kannte, habe ich bei der Frage "Berge oder Meer?" immer sofort das Wasser genannt. Dann kam der Winter, den ich in einem Krankenhaus mitten in den Alpen verbracht habe und da wusste ich es. Ich liebe die Berge.Und weil jede einzelne Seite von Francesco Vidottos Roman genau diese Liebe in sich trägt, habe ich auch dieses Buch geliebt. "Meine Berge bist du" fühlt sich nicht einmal wie ein klassischer Roman an, denn die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten, die Briefe wurde von Francesco lediglich literarisch angepasst und in Romanform gebracht. Onesto wurde wirklich entführt und zurück zu seiner Mutter und seinem Zwillingsbruder Santo in die Berge gebracht. Beide Brüder haben sich wirklich in Celeste verliebt. Und auch das Ende des Romans trägt diese Wahrheit in sich, ohne dass ich darüber mehr verraten möchte.Selten bringt mich ein Buch zum Weinen. Bei Filmen passiert mir das viel eher, weil Bilder und Musik Gefühle verstärken. Aber bei diesem Buch habe ich beim Zuschlagen geweint. Geweint um das harte Leben der Menschen in den Bergen, an deren Seite ich gerne noch geblieben wäre. Geweint um Celestes Schicksal, um verpasste Chancen, um bedingungslose Geschwisterliebe und um die Aufopferung einer Mutter für ihre Söhne.Dieses Buch ist voller Beziehungen. Familiärer, romantischer und zutiefst freundschaftlicher Art. Zwischen Onesto und Santo, zwischen Celeste und den Brüdern. Zwischen ihrem Bruder und Onesto. Aber auch zwischen Francesco Vidotto und Guido Contin, die sich während eines Wolkenbruchs begegnen und durch diesen Zufall über ein Gespräch zu der Mappe mit den Briefen gelangen. Francesco reist selbst als Ich- Erzähler in das Bergdorf, um zu schreiben und erfährt durch Guido und Onestos Briefe Stück für Stück die Lebensgeschichten der Menschen. Ich würde fast sagen, es ist ein genialer Kunstgriff des Autors, dass die Figuren ihre Geschichte selbst erzählen dürfen, wäre da nicht diese kleine Wahrheit, dass es die Briefe an die Berge tatsächlich gibt. Genau dadurch bin ich den Menschen so nah gekommen. Onesto beschreibt seine Gedanken, seine Sehnsucht und auch die schrecklichen Erlebnisse mit einer solchen Ehrlichkeit, die nur wahre Gefühle hervorbringen können, sodass alles vor meinem inneren Auge lebendig wurde. Francesco Vidotto übernimmt diese Stimme mit so viel Herz, dass Erinnerung und Literatur für uns Lesende unmerklich verschwimmen.Die Atmosphäre dieses Romans ist mit dem Herzen greifbar. Die Berge wirken nicht wie Kulisse, sondern wie etwas Lebendiges. Die Briefe an die einzelnen Gipfel, die liebevolle Anrede der Berge und der Natur, das entbehrungsreiche Bergleben, das nie romantisiert wird, haben mich fühlen lassen, als würde ich mitten auf der Dorfstraße stehen. Ich habe Kälte, Einsamkeit, Nähe und Liebe beinahe körperlich gespürt. "Meine Berge bist du" ist für mich deshalb vor allem eine Liebesgeschichte. Nicht nur die zwischen Mann und Frau, sondern auch die zwischen Brüdern, von denen einer den anderen so sehr liebt, dass er ihm die Frau seines Herzens überlässt. Die aufopfernde, bedingungslose Liebe einer Mutter zu ihren Kindern und auch die Liebe eines Autors zum Schreiben. Aber über alle dem vermittelt der Roman eines:Die Liebe zu den Bergen selbst.