Der Krimi verliert sich leider zu häufig in profaner Ermittlungsarbeit, was dem insgesamt Plot der Geschichte nicht gerade zuträglich ist
Nach Sydney (1. Fall) und Bangkok (2. Fall) lässt der Norweger Jo Nesbo nun seinen unkonventionellen Serienhelden Harry Hole in heimatlichen Gefilden ermitteln. Auch wenn der Hintergrund des aktuellen Falls, zunächst auf einer eigenen Zeitebene dargestellt einen historischen Aspekt aufgreift, der vermutlichen den meisten Leser*innen unbekannt sein dürfte: norwegische Staatsbürger, die sich im II. Weltkrieg mit den kriegerischen Zielen von Adolf Nazi gemein machten. Geschickt werden dabei die aktuellen "rechten Strömungen" (1999-2000) in die Handlung integriert.Gleich zu Beginn bekommt der Titel des Krimis seinen bedeutungsschweren Inhalt verpasst: bleiben oder gemeinsam mit den anderen in den Süden ziehen? Risiko oder Sicherheit. Oder um es mit der "Risikoabwägung" des Rotkehlchens zu beantworten: Gehe ich das Risiko ein und bleibe hier, dann hätte ich, wenn es einen milden Winter gibt, den Vorteil, "die besten Brutplätze belegen [zu können], ehe die anderen wieder zurückkommen" - im anderen Fall "gibst [du] den Löffel ab [...] und fällst vielleicht nachts steif gefroren von einem Ast und taust erst im nächsten Frühjahr wieder auf." Eine Frage, die in jeden anderen Kontext passt und letztlich über den Verlauf eines Lebens entscheidet. In dieser Frühphase des Krimis sind die Rollen noch gut verteilt, auch wenn die langatmig geschilderten Kriegserlebnisse schon etwas ermüdend sind. Aber das ist Geschmackssache. Sie sind in dieser Länge auch nicht unbedingt notwendig, um zum Beispiel den Unterschied zwischen einer Schizophrenie und einer Persönlichkeitsspaltung (multiple Persönlichkeit) zu erläutern, die hier auf Seiten des Täters eine entscheidende Rolle spielt und für einige gekonnte inszenierte Verwirrung sorgt. Als trockener Alkoholiker hat der zum Staatsschutz versetzte und dabei zum Kommissionsleiter beförderte Harry Hole jetzt etwas mehr Zeit für die leichte Seite des Lebens: Gefühle beginnen sich ihren Raum zu nehmen. Das tut dem Krimi recht gut, denn neben den Schlechtigkeiten dieser Welt, wirken die Bande der Liebe besonders intensiv. Insgesamt verliert sich dieser Krimi allerdings zu häufig profaner Ermittlungsarbeit, was dem guten Plot der Geschichte nicht gerade zuträglich ist.(16.6.2022)