Mathilda verliert früh ihre Mutter, der Vater, der nicht über den Tod seiner Frau hinweg kommt, gibt das Mädchen zu ihrer ältlichen Tante aufs Land und verschwindet. Mathilda wächst zwar behütet auf, wirklich geliebt fühlt sie sich aber nie, kann die kinderlose Tante doch nicht wirklich eine Beziehung zu dem Kind aufbauen. Jahrelang sehnt sich Mathilda nach ihrem Vater, romantisiert das Wiedersehen mit ihm und ist außer sich vor Freude, als ihr Vater nach England zurückkehrt und sie zu sich holt.
Natürlich kennt fast jeder Mary Shelleys Meisterwerk "Frankenstein", andere Bücher der Autorin hatte ich irgendwie gar nicht auf dem Schirm, bis ich auf diese wunderschöne Ausgabe aus dem Pendragon Verlag gestoßen bin. Ich bin relativ unvoreingenommen an die Lektüre gegangen, ohne zu wissen, was mich erwartet, allerdings hat der Klappentext mich angesprochen.
Der Entstehungszeit geschuldet, ist der Stil der Geschichte natürlich etwas anspruchsvoll, die Sprache blumig, oft eher schwer und umständlich, immer auf Anstand und Höflichkeit bedacht, selten direkt, sondern meist eher umschreibend, mit vielen Andeutungen und mit Metaphern. Wer Klassiker dieser Zeit liest kennt dies natürlich, wer da eher keine, oder wenig Erfahrungen hat, muss sich natürlich darauf einlassen. Auf jeden Fall sollte man sich für die Lektüre Zeit nehmen, den nicht nur die Sprache macht dieses Buch extrem anspruchsvoll.
Der Leser trifft Ich-Erzählerin Mathilda am Ende ihres Lebens und merkt gleich, dass dieses wohl nicht sehr glücklich gewesen ist. Dieser Eindruck wird bestätigt, wenn man den Erinnerungen Mathildas folgt. Sie erzählt von ihrem Vater, stellt ihn dem Leser quasi vor, beleuchtet etwas seinen familiären Hintergrund und bereitet so die Bühne für die späteren Ereignisse. Irgendwie hatte ich hier direkt den Eindruck, als sollte die Person des Vaters in einem guten Licht dargestellt werden, als jemand, der einfach nicht anders handeln konnte, der schon von früh an Opfer der Herkunft, der Erziehung, der Umstände wurde und dem man letztlich keinerlei Schuld für irgendwas geben kann, schon gar nicht daran, dass er sich unsterblich in Mathildas Mutter verliebt und ihren frühen Tod nicht verwinden kann. Das Kind das den trauernden Witwer so sehr an die geliebte Frau erinnert wird weggegeben, der Vater ergibt sich ganz und gar seiner Trauer, verlässt das Zuhause, das Land, ändert sogar seinen Namen. Das Kind bleibt zurück, unfähig das Geschehen zu verstehen und romantisiert natürlich nun die Figur des Vater immens, glaubt fest daran, dass dieser eines Tages zurückgekehrt, das geliebte Kind zu sich holt und sie fortan glücklich zusammenleben.
Tatsächlich kommt es nach einigen Jahren zu einer Familienzusammenführung und tatsächlich sieht es danach aus, als würde sich alles Sehnen Mathildas erfüllen, doch das Glück ist dem jungen Mädchen nicht lange vergönnt.
Was nun passiert, wird im Buch nicht direkt thematisiert, selbst aus den vagen Andeutungen muss sich der Leser das Geschehene eher zusammenreimen. Die überaus heftigen Reaktionen der Figuren sind manchmal fast etwas viel, sehr dramatisiert, aber dem Zeitgeist entsprechend, ihre Seelenqualen oft nur schwer zu ertragen. Hier muss ich sagen wurde mir das Buch doch etwas zäh, weil die Gedanken - und Gefühlslage Mathildas doch sehr ausführlich dargelegt wird. Vieles in den Handlungen ist aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar und eher schwer zu verstehen.
Das ganze Buch hindurch herrscht eine sehr bedrückende, melancholische, sogar depressive Stimmung. Neben der toxischen, Vater-Tochter-Beziehung werden auch die suizidalen Gedanken Mathildas ausführlich thematisiert und man muss als Leser in dieser Hinsicht einiges verarbeiten. Leser die hier eher empfindlich sind sollten das Buch rein aus Selbstschutz vielleicht eher nicht lesen.
Schon in "Frankenstein" hat Mary Shelley sehr spezielle Themen verarbeitet und auch in diesem Buch kommt einiges zusammen. Zu ihren Lebzeiten wurde das Buch nicht veröffentlicht, erst über hundert Jahre später wurde das Werk gedruckt, wobei das original Manuskrip bis heute als verschollen gilt. Natürlich haben seitdem viele Menschen versucht die Geschichte zu deuten und natürlich bleibt die Frage nicht aus, ob das Buch autobiographisches enthalten könnte. Eine finale Antwort darauf wird es wohl nicht geben, allerdings bekommt der Leser im Nachwort noch einige Erläuterungen. Mit "Mathilda" hat die Autorin eine sehr spezielle Figur geschaffen, eine sehr tragische Figur, eine Figur, die auf den ersten blick so gar keine Gemeinsamkeiten zum Monster aus "Frankenstein" aufweist, die aber bei näherer Betrachtung doch die ein, oder andere Parallele erkennen lässt.