
Menschen mit »Behinderungen« sind in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt und werden oft nicht als vollwertige Personen anerkannt. Ihre Diskriminierung - Ableismus - unterläuft das Gleichheitsversprechen liberaler Demokratien. Obwohl diese Stigmatisierung strukturelle Ähnlichkeiten zu Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus aufweist, erfährt sie gegenwärtig viel weniger Aufmerksamkeit. Regina Schidel schließt mit ihrem Buch diese Lücke, indem sie Ableismus aus philosophischer und sozialtheoretischer Perspektive analysiert, und zwar exemplarisch am Fall von Menschen mit kognitiven Einschränkungen/geistiger »Behinderung«. Sie zeichnet Ursprünge ableistischen Denkens in der philosophischen Tradition nach und entwickelt Möglichkeiten, diese zu überwinden.
Besprechung vom 31.03.2026
Sondierung gesellschaftlicher Vorstellungen von Normalität
Regina Schidel widmet sich dem Thema Behinderung in philosophischer und sozialtheoretischer Perspektive
Häufig wird Behinderung als individuelle Beeinträchtigung verstanden. Einzelnen Menschen fehlt es demnach an geistigen oder körperlichen Fähigkeiten zur Teil-nahme an denjenigen alltäglichen Praktiken, die für die Mehrheit der Gesellschaft problemlos funktionieren. Doch diese Vorstellung verortet das Problem aufseiten der Betroffenen und blendet aus, inwiefern solche Einschränkungen erst durch eine - teils unbewusst, teils absichtsvoll erzeugte - Bewertung und einseitige Privilegierung menschlicher Fähigkeiten im sozialen Raum hervorgebracht werden.
Diese Verschiebung des Blicks - weg vom einzelnen Subjekt, hin zur sozialen Struktur - bildet den Ausgangpunkt einer Studie der Frankfurter Philosophin Regina Schidel. Ihre Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Behinderung setzt daher nicht an der unterschiedlichen Verteilung und Ausprägung menschlicher Fähigkeiten als solcher an, sondern beginnt einen Schritt zuvor und stellt die Frage, aus welchen Gründen bestimmte Differenzen in der Wahrnehmung menschlicher Fähigkeiten gesellschaftlich relevant und normativ mit Bedeutung versehen werden.
Die Gründe dazu verortet sie in einem verzerrten "kollektiven Imaginären", das von vermessenen und fehlgeleiteten Unabhängigkeits- und Autonomiephantasmen durchsetzt sei und zur Abwertung all dessen tendiere, was sich diesem Ideal nicht füge. Der ausgrenzende Reflex gegenüber Menschen mit Behinderung lasse sich deshalb auch als Abspaltung und Ausklammerung jener Anteile deuten, die Abhängigkeit, Schwäche oder Bedürftigkeit signalisierten und der Konstruktion einer rigiden Version von Autonomie zuwiderliefen.
Doch es bleibt nicht bei einzelnen Reflexen oder subjektiven Haltungen, viel grundlegender scheint die Infrastruktur moderner Gesellschaften von einer partikularen und damit ungleichen Privilegierung bestimmter menschlicher Fähigkeiten durchzogen zu sein. Zur Bezeichnung dieser Ungleichheitsordnung gewann der aus dem anglophonen Kontext der Critical Disability Studies stammende Begriff des Ableismus auch im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahrzehnten an Popularität. Dennoch stellt die Auseinandersetzung mit Ableismus im Gegensatz zu anderen gesellschaftlichen Exklusionsmechanismen wie Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus in der gegenwärtigen sozial- und politikphilosophischen Literatur noch ein Desiderat dar.
Diese Leerstelle versucht die Autorin nun auszufüllen, indem sie nachvollzieht, wie sich gesellschaftliche Abwertungs- und Stigmatisierungstendenzen in philosophischen Entwürfen zu Fragen gelingenden Menschseins und vernünftiger Lebensführung fortsetzen und eine oftmals unter der Oberfläche versteckte Rechtfertigung erfahren.
Als Varianten implizit ableistischer Philosophie werden Überlegungen von John Rawls und Peter Singer angeführt. Bei beiden Theoretikern fungiere der Verweis auf Menschen mit "geistiger Behinderung" als "Abgrenzungshorizont", der die Gruppe derjenigen Personen eingrenze, die zu rationalen Abwägungen in der Lage seien und sich damit zu würdigen Subjekten gerechtigkeitstheoretischer Überlegungen qualifizieren.
Diese Einseitigkeit soll aufgebrochen werden, und so bemüht sich der weitere Teil des Unterfangens an der Skizze eines "nichtableistischen Humanismus", der den verkürzten Universalismus korrigieren könne. Um das Anliegen der Inklusion philosophisch voranzutreiben, wird ein bunter Strauß an Theorietraditionen mobilisiert: Kritische Theorie Frankfurter Provenienz, gegenwärtige feministische Theorien, die um Aspekte wechselseitiger Sorge und menschlicher Vulnerabilität kreisen, und Standpunkttheorien, die die Kontextgebundenheit und Partikularität allen Wissens einklagen, werden daraufhin befragt, ob und inwiefern sie dem Ziel eines radikal inklusiv gedachten Universalismus dienen können. Dieses Vorhaben kratzt über weite Strecken eher an der Oberfläche, bleibt abstrakt und verliert angesichts der Vielfalt und Divergenz der bemühten Referenzen bisweilen den Bezug zum konkreten Anliegen der Studie.
Mehr Konturen gewinnt der abschließende Teil des Buches, der eine Veränderung politischer Teilhabe- und Repräsentationsverfahren sondiert, die Frage nach dem angemessenen Umgang mit Differenz konkreter adressieren kann und vom Modus einer veränderten Interaktion unterschiedlich befähigter politischer Subjekte her denkt. Schidel rekonstruiert Diskussionen um die teils selektive Ab- und Zuerkennung des Wahlrechts und rückt die Suche nach alternativen, weniger rationalistisch orientierten Prozeduren der politischen Partizipation in den Vordergrund. Nicht zuletzt diese Beispiele schärfen das Bewusstsein dafür, dass die kritische Selbstbefragung gesellschaftlicher Normalitätsvorstellungen in vielen Punkten tatsächlich noch ganz am Anfang steht. TOBIAS SCHWEITZER
Regina Schidel: "'Behinderung' und Gesellschaft". Ableismus in philosophischer und sozialtheoretischer Perspektive.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
227 S., br.
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