Wachstum und Aufarbeitung von Traumata
A Court of Mist and Fury ist für mich vor allem eine Geschichte darüber, wie schwer es ist, nach Gewalt und Entmenschlichung wieder zu sich selbst zurückzufinden - und wie heilsam es sein kann, wenn jemand nicht "retten" will, sondern endlich zuhört.Besonders gut gefallen hat mir, wie konsequent Sarah J. Maas Feyres mentalen Zustand nach den Ereignissen "unter dem Berg" erzählt. Feyre ist nicht einfach nur erschöpft oder traurig, sie ist innerlich gezeichnet: traumatisiert, orientierungslos, und verzweifelt auf der Suche nach einem Sinn, der über bloßes Funktionieren hinausgeht. Gerade diese Sicht auf ihre Zerrissenheit wirkt auf mich glaubwürdig. Sie will verarbeiten, will handeln, will wieder ein "Warum" finden, und prallt dabei immer wieder gegen Tamlin.Tamlin ist in diesem Band für mich der schmerzhafteste Gegenpol: Er übergeht Feyres Grenzen, ihre Bedürfnisse und ihre klaren Bitten nach einer Aufgabe und nach Selbstwirksamkeit. Was nach außen wie Schutz wirkt, entpuppt sich mehr und mehr als Kontrolle. Er hört nicht, was Feyre sagt - oder will es nicht hören. Und je länger sie in diesem Käfig aus gut gemeinter, aber erdrückender Fürsorge bleibt, desto deutlicher wird, dass sie daran zerbricht.Umso stärker wirkt der Kontrast, als Rhysand sie zu sich holt. Mir hat gefallen, dass Feyre dort nicht plötzlich "geheilt" ist. Es gibt keinen magischen Schalter, keine schnelle Erlösung. Stattdessen wird ihr Zustand Schritt für Schritt besser, und selbst dann bleibt die Angst: die Furcht, Rhysand könnte ihre Vorschläge, sich einzubringen, zurückweisen oder ihr die Fähigkeit absprechen, über sich selbst zu entscheiden. Dass genau das nicht geschieht, ist ein Kernmoment dieses Buches: Feyre lernt nicht nur, wieder zu leben, sondern wieder wählen zu dürfen.Auch die Dynamik mit ihren Schwestern mochte ich sehr. Da ist viel Vorsicht, viel Distanz und viel Unausgesprochenes, und trotzdem wird Zuneigung sichtbar. Feyre sorgt sich um sie, will sie schützen, will sie nicht in Gefahr bringen. Gerade dieses vorsichtige Annähern fand ich glaubhaft, weil es weder idealisiert noch kalt wirkt. Es ist kompliziert, aber echt.Ein weiterer großer Pluspunkt ist für mich die Beziehung zwischen Rhysand und Feyre. Sie entwickelt sich nicht nur über große Gesten, sondern auch über Nähe im Kleinen - über Humor, schamloses Flirten und über das allmähliche Entstehen von Vertrauen. Und obwohl Feyres Beziehung zu Tamlin endet, trägt sie zu Beginn noch Schuldgefühle und eine Art innere Bindung mit sich herum: das Gefühl, "zu schnell" weiterzugehen, als müsste sie sich das Recht auf Glück erst verdienen. Das macht ihre Entwicklung nachvollziehbar.An Rhysand mag ich besonders, dass er Feyre Entscheidungen zutraut. Diese Haltung zeigt sich immer wieder. Er hätte zugelassen, dass sie Tamlin heiratet, wenn sie wirklich glücklich gewesen wäre. Aber er greift ein, als klar wird, dass das nicht ihr Wille ist. Dieses "Ich will dich nicht besitzen, ich will dich frei sehen" ist für mich der emotionale Kern ihrer Beziehung. Als Feyre dann vom Mating-Bond erfährt, fand ich ihre Wut ebenfalls passend, nicht, weil sie Rhysand nicht liebt, sondern weil sie Zeit braucht, um die Dimension dessen zu begreifen und einzuordnen. Und doch wird recht bald deutlich, dass die beiden tatsächlich zusammengehören, weil sie einander auf Augenhöhe begegnen.Der Handlungsstrang rund um Hybern schärft schließlich noch einmal, was Tamlin in diesem Band für mich verkörpert. Selbst wenn er behauptet, Feyre retten zu wollen, hört er sie nicht und nimmt sie nicht ernst. Er setzt seine Vorstellung durch, egal zu welchem Preis, und bestätigt damit tragisch, dass seine Liebe nicht Freiheit meint, sondern Besitz.Am Ende bleibt für mich das Gefühl, dass A Court of Mist and Fury so gut funktioniert, weil es nicht nur Romantasy ist, sondern auch eine Erzählung über Heilung, Grenzen und Selbstbestimmung. Feyre wird nicht "stärker", weil sie neue Kräfte hat - sondern weil sie lernt, sich selbst wieder zu glauben.