Small-Town-Romance mit echter Trauma-Substanz, zarter Second-Chance und einer der ehrlichsten Berührungsangst-Darstellungen.
Sarah Stankewitz startet mit "No Matter What" ihre Love-Burns-Trilogie und legt die Messlatte für emotionale Small-Town-Romance im deutschsprachigen Raum sehr hoch. Stella Jones war einmal ein anderes Mädchen. Vor dem Brand, in dem ihr Vater starb und der ihren Körper wie ihre Seele mit Narben gezeichnet hat. Berührungen anderer Menschen kann sie kaum ertragen, ihre Haut erinnert sich schneller als ihr Verstand. Der Hundeshelter, in dem sie arbeitet, ist ihr sicherer Ort. Hunde starren nicht, urteilen nicht, brauchen keine höflich forcierte Nähe. Als ihre Pflegemutter stirbt, muss Stella zurück in ihre Heimatstadt Blossom Lake und zieht bei ihrem großen Bruder ein. Ausgerechnet dort trifft sie auf Austin, den neuen Mitbewohner. Denselben Austin, dem sie vor Jahren das Leben gerettet hat und der heute den perfekten Playboy spielt, dabei aber noch sehr genau weiß, wer sie ist.Am stärksten überzeugt hat mich Stellas Trauma-Reise. Sarah Stankewitz behandelt Berührungsangst nicht als schrullige Charaktereigenschaft, sondern als das, was sie ist: eine körperliche, neurologische Reaktion, gegen die der Wille wenig ausrichten kann. Man erkennt die Autor:innen, die Bessel van der Kolk gelesen haben, an genau dieser Genauigkeit. Hyperwachsamkeit, Dissoziation nach ungewollten Berührungen, das ständige Scannen der Umgebung, dazu der soziale Alltag mit sichtbaren Narben und den Blicken, die man kennt, wenn man einmal so gesehen wurde. Das ist keine kitschig aufgeladene Trauma-Kulisse, sondern eine ehrliche, respektvolle Darstellung, die zugleich zeigt, wie unlinear Heilung wirklich verläuft.Auch die Second-Chance-Dynamik hat mich vollständig eingesammelt. Austin ist zunächst genau der Mann, den Stella nicht braucht. Ein charmanter Wegwerf-Verführer, der sich hinter seiner Fassade in Sicherheit bringt. Sarah Stankewitz löst diese Fassade nicht mit dem klassischen "Bad Boy mit Herz"-Schema auf, sondern zeigt einen Mann, der geduldig lernt. Er drängt Stella nicht, er wartet. Er begreift, dass Nähe nichts mit körperlicher Berührung zu tun haben muss und passt sein Verhalten leise an. Der berühmte Satz "Du warst mein Wunder, Stella Jones. Jetzt lass mich deines sein" bekommt in diesem Kontext eine Kraft, die weit über ein hübsches Booktok-Zitat hinausgeht. Er trifft das Grundmuster ihrer Beziehung genau.Wunderschön inszeniert ist auch der Hundeshelter. Gerettete Hunde und gerettete Menschen erkennen einander. Stella versteht diese Tiere nicht aus einem Fachbuch, sondern aus eigener Erfahrung, und im Umgang mit ihnen übt sie im Grunde die Geduld, die sie selbst braucht. Blossom Lake als Setting bleibt dabei angenehm ambivalent. Sarah Stankewitz verklärt Small-Town nicht zu einem Wohlfühlkokon, sondern zeigt auch die Enge, die Neugier und das Ausgestelltsein, wenn jeder die alte Version von einem kennt.Ehrlich muss ich sagen, dass die Grundstruktur einer Small-Town-Romance vertraut bleibt und wer das Genre grundsätzlich zu vorhersehbar findet, wird auch hier nicht plötzlich überrascht. Die emotionale Intensität ist nichts für einen leichten Wohlfühlabend, und der Trilogie-Auftakt macht sehr gierig auf die Fortsetzungen. Für mich sind das keine Kritikpunkte, sondern Warnhinweise.Ein Herzensroman mit echter Substanz. Für Fans emotional ehrlicher Romance und alle, die Mental-Health-Repräsentation in Genre-Literatur suchen, absolute Pflichtlektüre.