Fitzek-Signature-Thriller in Bestform. Rückwärts-Countdown, brutale Grausamkeit und ein Twist, der nachhallt.
Ein rückwärts nummeriertes Buch. Ein verzweifelter Vater. Ein entführtes Kind. Ein Serienmörder auf der Flucht. Ein zweiter Verdächtiger im Verhör. Und ein Countdown, der unaufhaltsam auf null zuläuft. Sebastian Fitzek liefert mit "Der Augenjäger", Band 2 der Alexander-Zorbach-Reihe, einen seiner intensivsten Thriller.Wichtig vorab: Das Buch ist die direkte Fortsetzung von "Der Augensammler". Wer Band 1 noch nicht kennt, sollte unbedingt dort beginnen. Zorbach ist am Ende. Der Augensammler Frank Lahmann hat seine Frau Nicci getötet und seinen Sohn Julian entführt. Von Lahmann fehlt jede Spur, ein neues Ultimatum läuft, Stunde um Stunde, Minute um Minute. Parallel wird die Polizei zu einem anderen Fall gerufen: Der Berliner Augenchirurg Dr. Zarin Suker steht unter Verdacht, mehreren Frauen die Augenlider entfernt zu haben, um sie zu zwingen, ihre eigene Vergewaltigung zu sehen. Auge um Auge. Suker wird festgenommen, schweigt aber. Als sich beide Fälle auf unerwartete Weise verbinden, wird klar, dass die Wahrheit noch viel dunkler ist, als Zorbach ahnt.Das absolute Herzstück sind die Wendungen und der finale Twist. Sebastian Fitzek ist der ungeschlagene Meister des Psychothriller-Twists in Deutschland, und "Der Augenjäger" liefert in Bestform. Er versteckt seine Twists nicht in einem einzigen Enthüllungsmoment, sondern baut sie schichtweise auf. Was zuerst die Wahrheit zu sein scheint, wird revidiert. Die Revision wird revidiert. Und dann wird auch diese Wahrheit auf den Kopf gestellt. Als Leser:in wird man immer wieder in die Irre geführt, ist wütend auf sich selbst und beeindruckt von Fitzeks handwerklicher Präzision zugleich. Der finale Twist gehört zu Fitzeks stärksten und hallt tagelang nach.Ein erzählerischer Geniestreich ist die rückwärts laufende Seitennummerierung. Das Buch beginnt mit hohen Zahlen und läuft langsam auf null zu. Dieser Countdown-Effekt ist kein Gimmick, sondern integraler Bestandteil der Geschichte. Julian wird sterben, wenn Zorbach nicht rechtzeitig Lahmann findet. Mit jedem Umblättern schrumpft die Zahl. Diese haptische Erfahrung intensiviert den Suspense enorm. Ich habe das Buch in einer Nacht durchgelesen, schlaflos, mit Herzklopfen, unfähig, es aus der Hand zu legen.Alexander Zorbach ist eine wirklich starke Hauptfigur. Kein übermenschlicher Ermittler, sondern ein zerbrochener Mann am Rande des mentalen Zusammenbruchs. Seine Frau wurde ermordet, sein Sohn entführt, er trägt die Schuld. Und trotzdem muss er funktionieren, weil Julian ihn braucht. Diese Kombination aus emotionaler Zerstörung und pflichtbewusstem Handeln macht ihn authentisch. Für Eltern besonders eindringlich zu lesen. Auch Alina Gregoriev, die blinde Physiotherapeutin und Medium aus Band 1, kehrt zurück und wird clever eingesetzt. Ihre Blindheit steht im spannenden Kontrast zu den beiden augenbesessenen Tätern. Fitzek lässt bewusst offen, ob ihre Visionen echt hellseherisch oder psychologisch zu erklären sind.Ganz wichtig ist mir eine ehrliche Warnung. "Der Augenjäger" gehört zu Fitzeks brutalsten Büchern. Die Verstümmelungen durch den Augenjäger, die Bedrohungssituation für den entführten Sohn, der detailliert geschilderte Sadismus des Augensammlers: all das ist extrem. Wer bei brutalen Thrillern schnell an Grenzen kommt, sollte das Buch besser weglegen. Die Themen Kindesentführung, sexuelle Gewalt und Verstümmelung können massiv triggern. Selbstfürsorge ist wichtiger als Genre-Prestige. Bei Belastung sind die Hilfetelefone (Telefonseelsorge 0800 111 0 111, Hilfetelefon Sexueller Missbrauch 0800 22 55 530) rund um die Uhr erreichbar.Sprachlich zeigt Fitzek seinen Signature-Style in Bestform. Kurze Kapitel, schneller Perspektivwechsel, Cliffhanger, präzise Wortwahl. Die 432 Seiten fühlen sich wie 200 an. Zum Ende hin werden die Kapitel immer kürzer und verstärken den Countdown. Berlin dient dabei nicht als touristische Kulisse, sondern in seiner dunklen, abgründigen Version.Für Fans absolute Pflicht.