Mit "Himmelerdenblau" legt Romy Hausmann nach einer Pause ihren vierten Thriller vor. Das Hörbuch erschien bei "Der Hörverlag" und wird von einem hochkarätigen Ensemble gesprochen: neben der Autorin selbst u. a. Felix von Manteuffel, Anna Maria Mühe und Uve Teschner. Fast 14 Stunden, die eher Hörspiel-Atmosphäre als klassische Lesung bieten (was mir sehr zugesagt hat).
Im Zentrum der Geschichte steht das Verschwinden von Julie Novak im Jahr 2003. Zwanzig Jahre später kämpft ihr Vater Theo inzwischen an Demenz erkrankt noch immer um Antworten. Als die True-Crime-Podcasterin Liv eine neue Spur wittert, flammt Hoffnung auf. Doch die Zeit arbeitet gegen Theo, dessen Erinnerungen brüchig werden.
Meine Meinung
Was mich am meisten begeistern konnte, ist die Darstellung von Theo. Seine Kapitel sind wirr, sprunghaft, sprachlich fragmentiert und genau darin liegt ihre Stärke. Hausmann findet eine Form für das Vergessen, das unweigerlich mit einer Demenzerkrankung einhergeht. Man spürt die Verzweiflung, wenn Worte nicht mehr gefunden werden, wenn Zeitachsen verschwimmen und durcheinander geraten.
Gleichzeitig liegt hier für mich auch die Schwäche des Romans. Der Thriller verliert im Mittelteil deutlich an Tempo. Der Fokus verschiebt sich vom eigentlichen Fall hin zu Theos Innenwelt und zu Nebensträngen, die atmosphärisch zwar dicht, für den Plot aber nicht immer notwendig sind. Einige Wendungen im letzten Drittel wirkten auf mich überfrachtet oder zu konstruiert, als würde man merken, dass man langsam jetzt mal in die Gänge kommen muss und als Resultat zu viele Geheimnisse gleichzeitig aufgelöst werden müssen.
Spannend ist an dem Buch auch die Auseinandersetzung mit True Crime: Wer erzählt hier wessen Geschichte und mit welchem Interesse? Während Liv um Sensibilität bemüht ist, erscheint ihr Kollege zunehmend kalkulierend. Diese Meta-Ebene mochte ich sehr, weil sie Fragen nach Verantwortung und medialer Verwertung von Leid stellt.
Fazit
Insgesamt ist "Himmelerdenblau" für mich kein atemloser Pageturner, sondern eher ein düsteres Familiendrama mit Thriller-Elementen. Literarisch ambitioniert, thematisch stark, aber eben auch mit Längen. Als Hörbuch durch das Sprecherensemble jedoch besonders intensiv. Für alle, die psychologische Thriller mit gesellschaftlicher Ebene mögen und sich auf ein ruhigeres, vielschichtiges Erzähltempo einlassen können. Wer reinen Nervenkitzel erwartet, könnte enttäuscht sein. Danke an netgalley.de und "der Hörverlag" für das Rezensionsexemplar.