Ein vielschichtiges Psychogramm
Vidar hat einen Black-out. Beim Versuch, einen Streit unter Schülern zu schlichten, soll er Gewalt angewendet haben. Leider kann er sich an die entscheidenden Momente nicht erinnern. Als ihm bei der Sichtung der Kartons seines verstorbenen Vaters die Telefonnummer des alten Sommerhauses der Familie in die Hände fällt, wählt er die Nummer. Einfach so. Sein Vater hebt ab. In der Vergangenheit. Die Gegenwart wird schrittweise aussichtsloser, Vidar steckt fest, manövriert sich immer weiter ins Unglück. Er ahnt, dass der Schlüssel am 17. Juni 1986 zu finden ist. Elektrisiert vom Anruf in der Vergangenheit wählt er die Nummer immer wieder und beginnt, den 17. Juni zu rekonstruieren.Jetzt beginnt das Leben klingt wie ein Orchester, immer mehr Ebenen kommen hinzu, verdichten sich, erheben sich. Knapp und schmerzhaft prägnant erlebt Vidar einmal mehr den vom Vergessen verschleierten Schrecken der Kindheit, untermalt von familiären Redewendungen. Traumschönes atmosphärisches Erleben wechselt mit manischer Besessenheit, die Sprache spiegelt die vorsichtige Annäherung an das Erkennen. Das Innenleben findet sein körperliches Pendant, immer weiter drängen die Zeitebenen zueinander. Vidar sucht nach einer Möglichkeit, Zugang zu sich selbst zu finden, seltsam distanziert bleibt er vor sich selbst "der Junge". Er, der sich einen Panzer aus Fantasie zulegt, um der Härte standhalten zu können. Er, der plötzlich fällt, als ein Wort sich wie ein Speer durch die Rüstung bohrt.Feinfühlig, getrieben, unerschrocken schickt Alex Schulmann seinen Protagonisten auf die Suche nach der Wahrheit und sich selbst, bereit, den Schmerz auszuhalten, wie groß er auch sein mag. Die Sprache folgt dem Erzähler, fängt ihn, trägt ihn und verspricht, dass eine Zukunft möglich wird, wenn er sich seine Vergangenheit zurückerobert. Jetzt beginnt das Leben ist eine literarische Komposition, verknüpft ein intensives Psychogramm mit Familiengeschichte und legt den Finger in die Wunde aus der aus Schweigen gewebten Einsamkeit.