Alina ist ehrgeizig, talentiert und endlich scheint ihre große Chance gekommen zu sein. Gemeinsam mit einem beim Sender hoch angesehenen männlichen Kollegen soll sie eine neue Fernsehshow auf die Beine stellen. Das Konzept: Alina dreht eine eindringliche Reportage als Einstieg in das Thema, anschließend diskutiert ihr Kollege mit prominenten Gästen im Studio weiter. Die erste Sendung steht unter dem Titel "Wie ein Leben entgleitet". Für ihre Recherche begleitet Alina deshalb einen obdachlosen Mann über einen längeren Zeitraum mit der Kamera. Dabei begegnet sie Bohm, Mitte dreißig, seit fünf Jahren auf der Straße lebend und voller Rätsel. Niemand weiß so genau, weshalb er dort gelandet ist, und auch Bohm selbst schweigt beharrlich über seine Vergangenheit. Während Alina versucht, hinter die Fassade ihres "Hauptdarstellers" zu blicken, laufen parallel die Vorbereitungen für die große Livesendung. Anfangs scheint alles nach Plan zu verlaufen. Doch je näher die Ausstrahlung rückt, desto stärker geraten die Gefühle und persönlichen Abgründe der er Beteiligten außer Kontrolle, bis die Situation schließlich eskaliert.Dass sich der deutsche Autor und Produzent Christian Huber in der Medienwelt bestens auskennt, merkt man seinen Schilderungen rund um den Dreh der Reportage sofort an. Alles wirkt dabei sehr authentisch. Besonders gefallen hat mir, wie er die Beziehungen zwischen den einzelnen Protagonist entwickelt. Sie entfalten sich sowohl für sich allein als auch im Zusammenspiel miteinander sehr überzeugend und nachvollziehbar. Auch die Entscheidung, das Thema Obdachlosigkeit in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen, hat mir gut gefallen. Sehr eindringlich schildert der Autor die Not und das Leben auf der Straße und macht sie für die Leser- beziehungsweise Hörerschaft spürbar. An manchen Stellen hätte ich mir dennoch etwas detailliertere Einblicke gewünscht - sowohl in die konkreten Herausforderungen des Lebens auf der Straße als auch in die Arbeit und Versorgungsstrukturen entsprechender Hilfsorganisationen. Sehr deutlich zeigt der Autor jedoch, wie stark obdachlose Menschen von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Wie schnell ihnen mit Ablehnung, Vorurteilen oder sogar Ekel begegnet wird. Und wenn man ehrlich zu sich selbst ist, ertappt man sich vielleicht dabei, ähnliche Unsicherheiten oder Ängste zu haben, weil man so wenig über die Schicksale dieser Menschen weiß. Gerade dieser unbequeme Blick auf gesellschaftliche Vorurteile ist Christian Huber unglaublich gut gelungen.Da die einzelnen Kapitel abwechselnd aus der Perspektive von Alina und Bohm erzählt werden, hat man dies im Hörbuch perfekt umgesetzt: Die Kapitel aus Alinas Sicht werden von Maria Wördemann eingesprochen, die von Bohm von Robert Stadlober. Dadurch gewinnt die Geschichte noch einmal zusätzlich an Tiefe und man fühlt sich den Figuren deutlich näher. Im Kopf entsteht beinahe ein Film, der vor dem inneren Auge abläuft. Für mich war das absolut stimmig und großartig inszeniert.Fazit:Eine fesselnde Geschichte über gesellschaftliche Abgründe, Vorurteile und menschliche Schicksale, die als Hörbuch hervorragend umgesetzt wurde. Eines meiner Hörbuchhighlights in diesem Jahr!