
Besprechung vom 06.05.2026
War ihre Sprachlosigkeit Antrieb für die Tochter?
Alma Hirschel war Ruth Klügers Mutter - nun erscheinen ihre vor Jahrzehnten entstandenen Erzählungen über die Schoa endlich doch noch
"Das Neue Jahr 1938 war in Wien mit den üblichen Fanfaren und Festlichkeiten gefeiert worden. Eine besonders schöne Aufführung des 'Rosenkavaliers' in der Oper, der große Neujahrsball, es wurde getanzt und getrunken." Wien ist immer die Stadt der Musik und der Feste gewesen, aber schon der erste Satz der Erzählung macht deutlich, worum es hier wirk-lich geht.
1938 ist das Jahr des Anschlusses, und bald werden andere Fanfaren in der Stadt zu hören sein. Alma Hirschel (1903 bis 2000) hat die Schoa überlebt und später zwei Erzählungen über diese Zeit geschrieben. Jetzt, mehr als fünfzig Jahre nach deren Niederschrift und 25 Jahre nach dem Tod der Autorin, werden sie veröffentlicht.
Die Protagonistin der ersten Erzählung heißt Berta. Sie ist Jüdin, Ehefrau eines Arztes und Mutter einer Tochter. Auf den ersten Seiten ist sie auf dem Heimweg durch die politisch gespannte Stadt, und in ihrer gutbürgerlichen Wohnung betritt sie das Kinderzimmer. "Die sechsjährige Ruth war gerade vom Kindermädchen begleitet nach Hause gekommen": Der scheinbar unscheinbare Satz ist eine stille Pointe des Buches.
Hirschel schreibt einen kaum verschlüsselten Bericht über die schwersten Jahre ihres Lebens. Ihr zweiter Ehemann, dem sie in der Erzählung den Namen Klinger gibt, war der Wiener Kinderarzt Viktor Klüger, der von den Nazis ermordet wurde, und ihre Tochter war Ruth Klüger (1931 bis 2020): Anderthalb Jahrzehnte nach der Mutter schrieb auch die Tochter ein Buch über diese Zeit, das unter dem Titel "weiter leben - Eine Jugend" zur literarischen Sensation des Jahres 1993 wurde.
Alma Hirschel ist das nicht gelungen. "Viktor war drei Mal beim amerikanischen Konsulat gewesen", schreibt sie über ihren Mann, der seine Familie vor der nahenden Katastrophe zu retten versuchte: "Er berichtete, dass lange Schlangen von Menschen vor dem Konsulat ständen und dass eine lange Liste Wartender vor ihm wäre." Der Text bleibt merkwürdig leblos, und man glaubt zu spüren, warum er damals keinen Verlag gefunden hat.
Wer blickt den Menschen in die Seele, und wer kann wissen, ob auch die Sprachlosigkeit der Mutter ein Grund dafür war, dass Ruth Klüger ihre Geschichte noch einmal erzählt hat? "Der Tod, nicht Sex war das Geheimnis, worüber die Erwachsenen tuschelten. Ich gab vor, nicht schlafen zu können, bettelte, dass man mich auf dem Sofa im Wohnzimmer einschlafen liesse, schlief dann natürlich nicht ein, hatte den Kopf unter der Decke und hoffte, etwas von den Schreckensnachrichten aufzufangen, die man am Tisch zum Besten gab."
So beginnt Klüger später ihr eigenes Buch, macht ihr "weiter leben" sichtbar, ihr Leben nach Auschwitz: Darin ist sie beides zugleich: die sechsjährige Ruth und die fast sechzigjährige Frau, die das Kind in sich zum Sprechen bringt. Jahre zuvor, als sie den Text gelesen hat, der jetzt so spät publiziert worden ist, hält sie in ihrem Tagebuch ein Gespräch mit der Mutter fest: "Beschreib die Atmosphäre in Wien, wie war denn das damals unter den Juden, bevor man verschickt wurde, die Jahre zwischen 1938 und 42, als wir noch dort waren?" "Da ist nichts zu beschreiben", sagt die Mutter, "die Leute hatten Angst." "Aber deine Hauptfigur, diese Berta, bei der spürt man die Angst nicht, das empfindet der Leser nicht."
Dieses Gespräch scheint nicht spurlos an der Mutter vorbeigegangen zu sein. Wie ihre Tochter, damals schon eine angesehene Literaturwissenschaftlerin in Kalifornien, lebte auch Alma Hirschel seit fast dreißig Jahren in Amerika; sie war inzwischen wieder verheiratet. Die erste Erzählung endet im Februar 1945, als Berta und ihre Tochter vom Lager Christianstadt aus auf den berüchtigten Todesmarsch getrieben werden. Die zweite Erzählung beschreibt ihre Flucht, Hirschel hat sie auf Englisch verfasst, damit ihre Enkel sie lesen können. Und diesmal schreibt sie anders.
"Wir wussten nicht, welchen Wochentag wir hatten, noch welchen Tag im Monat": Schon das erste Wort zeigt die neue Perspektive, die sie jetzt wählt, keine dritte Person mehr, keine Berta, sondern die erste Person, und oft im Plural. Denn als sie dem Todesmarsch entfliehen, sind sie zu dritt, nicht nur die Mutter und Ruth, sondern auch Susi, ein Waisenkind der Lager, das Alma Hirschel wie eine zweite Tochter aufgenommen hat.
"Das ist nun das Allerbeste", wird es später in "weiter leben" über Susi heißen, "was ich von meiner Mutter erzählen kann: Sie hat in Auschwitz ein Kind adoptiert." Ruth Klüger wird es ihr Leben lang Schwester nennen, "denn anders lässt sich eine Beziehung nicht beschreiben, die auf wenig Interessengemeinschaft beruht und gleichzeitig etwas Absolutes hat. Das Absolute: 1944, 1945."
Ruth war kaum elf Jahre alt, als sie deportiert wurden, und am Ende des Krieges noch keine vierzehn. Ihre Mutter hat ihr mehrmals das Leben gerettet, und vielleicht ist sie für Alma Hirschel in den Erzählungen gerade deshalb das kleine, weitgehend passive Kind, als das Ruth selbst sich nie gesehen hat.
Anders ist es mit Susi. Sie ist etwas älter als Ruth, ein in den Lagern abgehärtetes Mädchen, auf das sich Alma Hirschel instinktiv verlässt. Zwischen Mutter und Tochter wird sie zu einer Vermittlerfigur, ohne die Alma Hirschel vielleicht vieles nicht hätte erzählen können, und in einem gefährlichen Augenblick ist es Susi, die ihnen allen aus der Not hilft. Die Flucht hat sie in die bayerische Kleinstadt Straubing geführt. Mit gefälschten Papieren wohnen sie bei einem anständigen Gärtner, doch dem Haus gegenüber steht die Villa des Gauleiters. Oft schaut er misstrauisch zur Gärtnerei herüber, und Alma warnt die Mädchen, auf der Hut zu sein.
Da ergreift Susi die Initiative. Aus dem Osten sind viele Flüchtlinge gekommen, es besteht Anweisung, ihnen Unterkunft zu geben. Sie geht zur Villa hinüber und bittet den Gauleiter, ihnen ein Zimmer zu vermieten, da es im Hause des Gärtners zu eng für sie sei. Der Mann wimmelt sie mit einer Ausrede ab und vermeidet danach allen Kontakt mit ihnen: Susi schlägt das System mit seinen eigenen Waffen.
Die Manuskripte der Erzählungen liegen in zwei Versionen vor, im Nachlass Ruth Klügers sowie im Privatbesitz eines Enkels. Gesa Dane hat sie sorgfältig ediert und ihnen eine aufschlussreiche Biographie Alma Hirschels beigegeben. Jetzt erscheinen sie im Wallstein Verlag, und damit hat es eine eigene Bewandtnis. Denn bei Wallstein ist auch "weiter leben" erschienen, und der Verleger Thedel von Wallmoden erinnert sich noch heute daran, wie Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett" vom 14. Januar 1993 über das Buch sprach. Er machte Ruth Klüger damit über Nacht berühmt und verhalf damals auch dem noch unbekannten Wallstein Verlag zum Durchbruch. JAKOB HESSING
Alma Hirschel:
"Überleben".
Zwei Erzählungen.
Hrsg. von Gesa Dane. Aus dem Englischen
von Jan Strümpel.
Wallstein Verlag,
Göttingen 2025. 248 S.,
2 Abb., geb.
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