Killerpotential von Hannah Deitch startet mit einem Knall: Evie Gordon findet die Eltern ihrer Nachhilfeschülerin tot im Garten einer Villa in Beverly Hills und wenig später eine gefesselte, halbverdurstete Frau unter der Treppe. Was wie der Auftakt zu einem klassischen Thriller klingt, entwickelt sich schnell zu etwas Eigenständigem: eine rastlose Fluchtgeschichte, ein Roadtrip durch die USA und zugleich ein Roman über Zuschreibungen, Macht und öffentliche Urteile.
Evie trifft eine einzige folgenschwere Entscheidung und wird von einem Moment auf den anderen vom unauffälligen Niemand zur medialen Projektionsfläche. Während Polizei und Presse sie zur brutalen Täterin erklären, feiert das Netz sie als Symbolfigur. Dieser Kontrast gehört zu den stärksten Momenten des Buches. Deitch zeigt sehr klar, wie schnell Geschichten entstehen, wie bereitwillig sie geglaubt werden und wie wenig Platz Grautöne darin haben.
Die Dynamik zwischen Evie und der stummen Fremden, die sie Jae nennt, trägt die Handlung. Vertrauen, Misstrauen und eine leise, unausgesprochene Anziehung entwickeln sich langsam. Allerdings nimmt sich der Roman im Mittelteil viel Zeit: Die Flucht verläuft in Schleifen aus gestohlenen Autos, Zwischenstopps und erneuter Gefahr. Das zieht sich stellenweise sehr, passt aber auch zum Gefühl des Getriebenseins, das die Figuren begleitet.
Stilistisch ist Killerpotential sehr modern, fast filmisch erzählt, mit trockenem Humor und einer gewissen emotionalen Distanz. Die Figuren bleiben nicht immer sympathisch, ihre Entscheidungen sind oft impulsiv und schwer nachvollziehbar, genau das macht sie aber auch interessant. Am Ende geht es weniger um eine klassische Auflösung als um die Frage, wer eigentlich festlegt, wer Täter ist und wer Opfer.
Kein perfekter Pageturner, aber ein ungewöhnlicher, kluger Thriller, der Genregrenzen sprengt und lange nachwirkt.