"Und als es klingelte, wünschte ich mir zum tausendsten Mal in diesem Schuljahr, ich wäre weg. Oder wenigstens woanders. Und ich dachte mit einem komischen Gefühl daran, dass es allen egal wäre. Dass es keine Rolle spielte, ob ich da war oder weg. Weil ich an niemandem hing. Und niemand an mir." (S. 16)
Das Leben der 15-jährigen Charlie ist trist und grau. Zumindest empfindet sie es so. Ihr Vater hat die Familie verlassen, als sie sieben Jahre alt war. Ihre Mutter muss sie seitdem allein durchbringen, sie arbeitet viel und weint heimlich. Charlies beste Freundin lässt sie von heute auf morgen sitzen und unglücklich verliebt ist sie auch noch. Charlie fühlt sich fehl am Platz - zu Hause und vor allem in der Schule. Sie ist zu viel allein mit sich selbst und ihren Gedanken.
"Manchmal frage ich mich schon, wer ich bin und das alles, schoss es mir durch den Kopf. Und ich ärgerte mich, dass ich immer diese bescheuerten Gedanken hatte, Gedanken, die alles kaputt machten." (S. 11)
"Da draußen ist irgendwo das Leben, dachte ich dann und fragte mich wohl zum hundertsten Mal, wer ich eigentlich war und das alles. Vielleicht jemand, an dem das Leben vorbeizieht. Und so wiederholten sich die Tage wie meine bescheuerten Gedanken, wiederholten sich wie die Farben und Wolken am Himmel, und ich fühlte wenig, außer der leisen Gewissheit, dass ich meine Zeit verschwendete." (S. 60)
Erst als Pommes neu in Charlies Klasse kommt und sich mit ihr anfreundet, werden ihre Tage heller und bunter. Die beiden verbinden nicht nur die gleichen Gedanken über Existenz und Tod, sondern auch die jeweiligen Schicksalsschläge ihrer Familien. Mit Pommes kann Charlie ein Stück mehr sie selbst sein und herausfinden, wer sie eigentlich sein und was sie aus ihrem Leben machen will.
Normalerweise lese ich keine Coming-of-Age-Romane, aber bei Julia Engelmann musste ich eine Ausnahme machen. Die Autorin war mir durch ihre Poetry-Slams und Gedichte bereits bekannt. Julia Engelmann zeigt auch in ihrem Debüt-Roman ihr Können bzw. ihren ganz eigenen Stil für Sprache. Melancholisch, poetisch und sehr berührend erzählt sie die Geschichte einer Teenagerin, die ihren Platz in der Welt noch nicht gefunden hat; über ihre Sorgen und Sehnsüchte, die dieses Alter prägen. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, wie es sich für Charlie anfühlen muss, nicht gesehen zu werden, nicht dazuzugehören, aus dem eigenen Leben flüchten zu wollen. Gern habe ich verfolgt, wie sich Charlie aus ihrem Schneckenhaus in die Welt hinaustraut und den Mut aufbringt, endlich am Leben teilzunehmen.
An Pommes mochte ich besonders seinen Optimismus, den er sich trotz eines Schicksalsschlages bewahren und mit dem er auch Charlie anstecken konnte.
Auch die Nebenfiguren wie der Italiener und Karl sind auf ihre Weise liebenswert und haben Charlies Leben bunter gemacht.
Julia Engelmann hat einen wunderbaren Roman über Freundschaft und ihre Entwicklung, über Familie und die Sehnsucht nach einem Zuhause geschrieben, den ich sehr gern weiterempfehle.