In ihrem neuen Roman legt die Autorin ein schonungsloses Porträt einer Mutter-Tochter-Beziehung vor, das weit mehr zeigt als bloß das schillernde Leben in der Kunstwelt.
Alles startet mit einer knisternden Ausgangslage: Eine geplante Retrospektive im MOMA reißt alte Türen auf und zwingt die beiden Schwestern, Matilda und Nora, sich endlich ihren eigenen Geschichten zu stellen. Für die Öffentlichkeit ist Ingrid Olssen eine Legende das Buch aber zeigt sie vielschichtiger, als Mutter, deren exzessives Leben nicht nur Freiheit bedeutete, sondern auch Spuren hinterließ bei den Kindern, die zwischen Bewunderung und Entfremdung schwanken.
Statt bloß eine Reise von A nach B zu erzählen, nutzt die Autorin den Roadtrip durch den amerikanischen Westen als Bühne für eine innere Bestandsaufnahme. Die karge Weite der Landschaft steht im krassen Gegensatz zu der Enge, die Matilda und Nora in sich tragen.
Die Schwestern wirken lebendig und nahbar. Ihre Gegensätze, ihre Art mit der Vergangenheit umzugehen das fühlt sich echt an. Dass der Roman fragt, was wir unseren Eltern wirklich schulden und wie viel Platz wir für ihre Geschichten in unserem Leben machen sollten, geht unter die Haut. Ingrids Wunsch, ihre Kunstwerke dem Meer zu übergeben, steckt voller Symbolik und verweist darauf, wie sehr Menschen darum kämpfen, sich selbst zu bestimmen sogar über den eigenen Tod hinaus. Der Wechsel zwischen dem Blick des Biografen und dem direkten Erleben der Schwestern wirkt angenehm abwechslungsreich und hält die Geschichte in Bewegung.
Hin und wieder sind die Rückblicke auf Ingrids Leben etwas sprunghaft gerade, weil das Buch sich so stark auf die innere Heilung der Töchter konzentriert. Ein bisschen mehr Einblick in Ingrids künstlerischen Antrieb hätte an manchen Stellen nicht geschadet.
Am Ende bleibt ein dichter Roman über Vergebung, über das Loslassen all dessen, was man aus seiner Familie mitgeschleppt hat, und die Suche nach dem eigenen Platz ohne permanent im Schatten der Eltern zu stehen. Die Geschichte bleibt hängen, weil sie ehrlich zeigt: Manchmal muss man alles loslassen oder sogar im Meer versenken, um bei sich selbst anzukommen.