Miles Davis war nie einfach nur ein Musiker. Der Mann war eher ein Naturereignis mit Trompete. So einer, der einmal tief Luft holt und danach klingt die Musikwelt plötzlich anders. Genau dieses Gefühl zieht sich auch durch Stefan Hentz Buch wie ein leiser, cooler Basslauf im Hintergrund.
Schon nach ein paar Seiten wird klar: Hier schreibt keiner, der nur Daten und Fakten runterbetet. Hentz kennt sich aus. Richtig aus. Man spürt förmlich, wie viel Respekt, Wissen und Begeisterung in dieser Biografie stecken. Gleichzeitig bleibt das Ganze angenehm lesbar. Kein trockenes Musiklexikon, sondern eher wie eine lange, spannende Jam Session über das Leben eines Mannes, der den Jazz immer wieder neu erfunden hat.
Besonders faszinierend ist, wie widersprüchlich Miles Davis hier erscheint. Sensibel und verletzlich, gleichzeitig arrogant, wütend und kompromisslos. Einer, der musikalische Grenzen eingerissen hat, aber privat oft genug an sich selbst gescheitert ist. Beim Lesen denkt man öfter: Was für ein genialer, komplizierter Typ. Und genau das macht ihn so spannend.
Natürlich geht es auch um die legendären Meilensteine. Kind of Blue. Birth of the Cool. Bitches Brew. Diese Momente, in denen Jazz plötzlich eine neue Richtung bekam. Aber das Buch bleibt nicht bei der Musik stehen. Rassismus, Ruhm, Drogen, Rückzüge, Comebacks. All das gehört zu diesem Leben dazu und wird hier klug und ehrlich eingeordnet.
Ein echtes Highlight ist das Kapitel über die Fotoserie A Day in the Life of Miles Davis von Glen Craig. Plötzlich sieht man diesen Mythos nicht nur als Musiker, sondern als Mensch in ganz alltäglichen Momenten. Irgendwie nahbar und trotzdem weiterhin geheimnisvoll.
Unterm Strich ist das eine Biografie, die sich anfühlt wie Miles Davis selbst. Mal ruhig und nachdenklich, dann wieder laut, kantig und überraschend. Wer Jazz liebt, kommt hier sowieso auf seine Kosten. Aber auch alle, die sich für starke Persönlichkeiten interessieren, werden ziemlich schnell merken, dass dieses Buch ordentlich Groove hat.