Der Roman Yesteryear überrollt derzeit die Bestsellerlisten weltweit, trifft er doch gleich viele wunde Punkte unserer Gesellschaft: Umgang mit Social Media, ein sich verändernder Blick auf Familie und die Stellung der Frau, politischer Rechtsruck und religiöser Fundamentalismus. Caro Claire Burke gelingt es, diese unterschiedlichen, relevanten Themen in eine einzelne Figur zu packen, nämlich Natalie Mills: eine junge, schlaue Frau mit Mann und 5 Kindern, die eine Farm im Nirgendwo betreibt und ihren Alltag mit einer ständig wachsenden Followerschaft in den sozialen Medien teilt. Ein Tradwife. Eine Verkörperung der amerikanischen, christlichen, traditionellen Werte mithilfe von Muffinsrezepten, Bibelversen, Hühner- und Kinderbildern.
Doch das ist nur der Schein nach außen. Denn hinter den Kulissen schuften andere: zahlreiche Erntehelfer halten die Farm in Schwung, zwei Nannys kümmern sich um die Kinder, eine Producerin wählt das richtige Licht und die verführendste Kameraeinstellung. Und nicht nur das, auch das Innenleben der Hauptprotagonistin weicht deutlich von ihrem weichgezeichneten Happy-Wife-Happy-Life-Profil ab: sie ist narzisstisch, arrogant und berechnend.
Dieses Gefälle entfaltet im ersten Teil, in dem Natalie uns selbstverliebt ihren von Takes und Projekten durchgetakteten Alltag näherbringt, eine intensive Wirkung. Mit purem Zynismus nimmt sie sowohl ihre nach Content lechzende Anhängerschaft als auch die Wütende Weiber genannten Neiderinnen aufs Korn. Damit gelingt ihr zwischen den Zeilen eine vielschichtige Auseinandersetzung mit den generellen Ansprüchen an Frauen: seien es die althergebrachten 3 Ks (Kinder, Kirche, Küche) als auch die modernen 2 (Kind und Karriere) beide tragen ihre eigenen Problematiken in sich, über die Natalie galant-giftig schwadroniert.
Dann ein Schnitt. Im zweiten Teil wacht Natalie in einer anderen Epoche auf: das gleiche Haus, aber ohne Handy, ohne Elektrizität, ohne Motoren, ohne Helfer, ohne Kontakt zur Außenwelt. Was ist passiert? Ein Albtraum? Eine Zeitreise? Eine Art Truman-Show für Nostalgiker mit ihr als Hauptdarstellerin?
Während sie versucht, sich in ihrem neuen, aber eigentlich jahrhundertalten Alltag zurechtzufinden und dabei größtenteils scheitert, überdenkt sie in Rückblenden ihren Weg von der unsicheren Studentin über die frischgebackene Ehefrau eines Abgeordneten-Söhnchens bis zum Social-Media-Star. Auch in diesem Teil gibt es etliche Seitenhiebe, die vor allem auf die laute, verschwörungsgeile amerikanische Politik und ihre Verbindung zu christlicher Doppelmoral zielen. Und treffen.
Trotzdem empfand ich diesen Teil als zäh, weil hier unter dem Strich wenig passiert irgendwann lese ich nur noch weiter, weil ich endlich wissen will, wie Natalie im 19. Jahrhundert landen konnte!
Dies erfahren wir dann im letzten und kürzesten Teil und tja, die Auflösung ist aus meiner Sicht ziemlich hinüber und arg platt geraten. Wo mich der Beginn noch mit Vielschichtigkeit beeindrucken konnte, setzt die Autorin am Ende mit ein paar groben Strichen auf die größtmögliche Schockwirkung. So ist das halt. Und Schnitt. Die Kommentare sind ausgeschaltet! Aber vergesst nicht, mir ein Herzchen dazulassen! Und folgt mir bitte für Sauerteigbrote und weitere Bestseller!
Fazit: Mit ihrer großartig gezeichneten, zynischen Hauptfigur bringt Caro Claire Burke auf unterhaltsame Weise viele heikle, gesellschaftrelevante Themen auf den Punkt. Allerdings gibt es zähe Passagen und das Ende wirkt allzu effekthascherisch.