Wie kann sie nur? ist der Satz, den Frauen in der digitalen Öffentlichkeit ständig als Echo hören. Es geht nicht um eine einzelne Entscheidung, die als richtig oder falsch eingeordnet werden kann, sondern vielmehr um ein System von Blicken, Kommentaren, Erwartungen und der ständigen Bewertung, in dem Frauen praktisch unter ständiger Beobachtung agieren. Und dieses System beschreibt Sophie Passmann in ihrem gleichnamigen Buch sehr präzise mit ihrem gewohnt scharfen Blick.
Was mir beim Lesen besonders gefallen hat, ist ihre persönliche Perspektive, die sie mit ihrer Leser:innenschaft teilt. Sie steht nicht neben der Arena und berichtet über die Geschehnisse, sondern existiert in der Arena mit all ihren Mitstreiterinnen und kennt die ganzen Themen, wie Reichweite, Zuschreibungen, Kommentare, Reaktionen und das ganze Drama drumherum. Dadurch ist das hier weniger eine theoretische Abhandlung als eine sehr gegenwärtige Bestandsaufnahme, die mit jeder Menge Wissen zu popkulturellen Strömungen angereichert ist.
Dass wir alle schon mal auf Social Media unterwegs waren, macht das Buch auch sehr anschlussfähig. Es beginnt nämlich dort, wo man selbst scrollt, vergleicht, urteilt, vielleicht neidisch, hin und wieder solidarisch ist, oder kurz genervt. Das Buch ist sehr gut darin, die Mechanik des Urteilens zu zeigen wie Frauen gleichzeitig begehrt und verachtet werden, wie jedes Bild zur Projektionsfläche wird und wie schmal der Grat ist zwischen Empowerment und Angriffsfläche bleibt. Neben den messerscharfen Beobachtungen hätte ich mir ggf. noch einen Exkurs in das System Social Media gewünscht. Aber das ist hier echt hartes Jammern auf hohem Niveau.
Gerade weil Passmann gar nicht erst in Aussicht stellt, dass es eine saubere Lösung geben kann, entfaltet das Buch für mich die stärksten Momente dort, wo sie die ganzen Widersprüche eben einfach stehen lässt. (Gemachte) Schönheit ist hier nicht einfach falsch und Natürlichkeit nicht automatisch richtig; Feminismus erscheint nicht als fertiges Regelwerk, das man nur korrekt anwenden muss, sondern als andauernde Aushandlung in einem System, das Frauen permanent zu Objekten macht (und das gleichzeitig davon lebt, dass Frauen mitspielen müssen, um überhaupt sichtbar zu sein). Auch sehr intensiv sind die Fragen, die sie immer wieder stellt und unbeantwortet lässt. Da darf man nach bzw. in den jeweiligen Kapiteln sehr gern auch mal selbst reflektieren. Herrlich!
Was das Buch dabei fast unheimlich gut kann, ist, den Blick auf die eigene Beteiligung zu lenken, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben. Denn Wie kann sie nur? ist ja nicht nur eine Frage, die die anderen stellen. Diese Frage sitzt doch (wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind) oft auch in den eigenen Köpfen manchmal als Schutzreflex, manchmal aus dem Neid heraus, manchmal als internalisierte Norm, manchmal als Mittel zur Abwehr. Genau das zeigt eben auch, wie weibliche Sichtbarkeit nicht nur von außen kontrolliert wird, sondern wie sich genau diese Kontrolle, diese Beobachtung ins eigene Innere verlagert und zu Selbstoptimierung, Selbstüberwachung, und einem ständigen Kommentieren seiner selbst wird. Der Effekt ist, dass man sich beim Lesen nicht nur ertappt fühlt, sondern auch müde: müde von den Anforderungen, müde von der Dauerbewertung, müde davon, dass es anscheinend keinen Zustand gibt, in dem eine Frau einfach nur existieren, einfach nur sein darf.
Am Ende liefert Wie kann sie nur? keine abschließende These, sondern beschreibt unsere mediale Gegenwart wahnsinnig präzise. Somit gelingt Passmann hier meines Erachtens etwas, das für eine Debatte über weibliche Sichtbarkeit zentral ist: Sie hält Ambivalenzen aus, statt sie wegzumoralisieren und zeigt deutlich, dass Frauen in der digitalen Öffentlichkeit Entscheidungen unter widersprüchlichen Erwartungen treffen und dass moralische Reinheit oft eine Fantasie ist, mit der man sich selbst beruhigt, während man andere verurteilt.Wer also ein Buch lesen möchte, das die inneren Spannungen unserer Zeit formuliert und zwar klug, schnell, schneidend und mit sehr viel Popkulturwissen, wird hier glücklich werden. Wie kann sie nur? ist ein unangenehm treffendes Protokoll über die weibliche Existenz in der digitalen Gegenwart.