
»Ein wunderbar unterhaltsames, beglückendes Buch« ZDF, »Das Literarische Quartett«
Mit Mitte fünfzig zieht der Erzähler zu seiner Mitte achtzigjährigen Mutter aufs Land, um dort an einem Roman zu schreiben. Es werden ereignisreiche Wochen, in denen er durch die Hilfe seiner Mutter aus einer tiefen Lebenskrise findet.
Nachdem er in Wien von einem Schlaganfall aus der Bahn geworfen wurde, hofft Joachim Meyerhoff, durch einen Neuanfang in Berlin wieder Fuß zu fassen. Doch alles kommt anders als gedacht. Die neue Stadt zerrt an den Nerven und die künstlerische Arbeit als Schriftsteller und Schauspieler fällt ihm von Tag zu Tag schwerer. Der Erzähler verlässt Berlin und zieht zu seiner Mutter nach Norddeutschland, die auf einem herrlichen Grundstück unweit vom Meer ein sehr selbstbestimmtes Leben führt. Mutter und Sohn sind sich immer schon sehr nah gewesen, aber diese gemeinsamen Wochen werden zu einer besonderen Zeit. Der Sohn klinkt sich ein in den Tagesablauf der Mutter, beginnt zu schreiben und findet allmählich heraus aus Zorn und Nervosität, die ihn sein ganzes Leben begleitet haben.
»Es liest sich ganz wunderbar! « Elke Heidenreich, spiegel. de
Besprechung vom 24.03.2026
Das Leben ist schrecklich, aber zum Lachen
FRANKFURT Joachim Meyerhoff macht seine Leser glücklich. Der Schauspieler und Schriftsteller liest im Schauspiel.
Von Matthias Bischoff
Ach, dieser Joachim Meyerhoff, dieser entsetzlich unterhaltsame Meyerhoff! Schon als er die große Bühne im Schauspiel Frankfurt betritt, vom Leiter des Literaturhauses Frankfurt, Hauke Hückstädt, auf aktuelle Ereignisse anspielend als "empfindsamer Mann" angekündigt, brandet der Beifall der Zuschauer im voll besetzten Haus auf. Kein Zweifel, der Schauspieler und Bestseller-Autor wird geliebt wie ein Popstar, und die knapp zweistündige Lesung macht deutlich, weshalb das so ist.
Auf der Bühne steht nur ein Tisch mit Lampe, davor ein Stuhl. Einer wie Meyerhoff bedarf keiner Moderierung, er leitet sich selbst ein, erzählt, warum und wie er dieses Buch geschrieben hat, in dem er sich zum ersten Mal ausführlich seiner Mutter und ihrem Leben widmet. "Schreib doch mal was über mich", habe sie gesagt. Denn obwohl sie in den seit 2011 erschienenen autobiographischen Romanen, derzeit läuft die Verfilmung von "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" von Simon Verhoeven in den Kinos, immer schon vorkam, standen meist seine Brüder, von denen einer tragisch ums Leben kam, sowie sein schwieriger Vater, Leiter einer Jugendpsychiatrie, im Zentrum. Und natürlich Meyerhoff selbst, der von sich stets so erzählt, dass es sich dabei ebenso um einen gut erfundenen Ich-Erzähler handeln könnte. Meyerhoff lustwandelt meisterlich auf dem schmalen Grat zwischen Fiktion und Realität.
Auch in seinem 2024 erschienenen Roman "Man kann auch in die Höhe fallen", der wie alle anderen seiner Werke monatelang auf der Bestseller-Liste des "Spiegel" stand, geht es zunächst um Meyerhoff selbst. Nach seinem Schlaganfall in Wien war er nach Berlin gezogen, bemerkte aber nach mehreren Jahren dort, dass er in der Stadt nicht heimisch wird. Familienschwierigkeiten und eine Schreibblockade, gepaart mit depressiven Schüben, lassen ihn verzweifeln, und so flüchtet er nach Hause zur Mutter ins Familienheim an die Ostseeküste. Nebenbei hofft er, dort endlich seine gesammelten Theateranekdoten mit dem schönen Arbeitstitel "Scham und Bühne" schreiben zu können.
Gegen Ende seiner Lesung wird Meyerhoff ein hinreißend komisches Stück aus dieser Sammlung, das er nun in diesem Buch untergebracht hat, zum Besten geben. Vorher gibt er dem Publikum neben Erläuterungen zu seiner Legasthenie noch ein kleines Proseminar zum Thema Komödie und Tragödie. Die ganz Großen, er nennt Molière, Shakespeare, Tschechow, hätten es verstanden, das Komische und das Traurige immer direkt nebeneinanderstehen zu lassen. Natürlich, sagt Meyerhoff, sei ja auch jedes Leben irgendwie schrecklich, aber, wenn man genau hinsehe, doch auch immer wieder zum Lachen. Auf scheinbar ganz leichte Weise gelingt es auch Meyerhoff, genau so in seinen Büchern zu schreiben.
Exemplarisch wird dies sichtbar in einer Szene, in der Meyerhoff mitten in einer beinahe taghellen Vollmondnacht von seiner Mutter geweckt wird, um mit ihr auf das Dach der Scheune zu klettern und den Himmel zu betrachten. Als sie dort oben liegen, beginnt die Mutter unvermittelt, ihm von ihrem traurigen Leben zu erzählen, von verstorbenen Kindern, ihren verlorenen Lieben, ihrer unglücklichen Ehe, den vielen kleinen und großen Unglücken. Aber, sagt die überaus vitale Mittachtzigerin dann, man könne über das eigene Leben auch eine ganz andere Geschichte erzählen, die vom Glück, geliebt worden zu sein, handelt, von nicht gestorbenen Söhnen und Enkeln, vom Genuss von Döner und Currywurst am Strand.
Und dann, kurz bevor einem beim Zuhörer vor Rührung die Augen feucht werden, entdeckt sie altes Laub in der Regenrinne und beginnt, zum Entsetzen des ängstlichen Ich-Erzählers, mit der riskanten Säuberung, da man nun ja schon mal hier oben sei. Und wieder, wie so oft in diesen zwei Lesestunden, lacht das Publikum beglückt über diese resolute, quicklebendige Frau und spürt zwischen den Zeilen die tiefe Liebe, die sie für ihren Sohn und für das Leben empfindet. Genau wegen dieser unangestrengten, traurig-komischen Kunst wird Meyerhoff gelesen und geliebt. Deswegen windet sich die Schlange vor dem Signiertisch durch das ganze Schauspiel-Foyer.
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