Bewundernswert ehrlich
Ein Ehepaar verliert innerhalb weniger Tage sein Zuhause und jede finanzielle Sicherheit. Fast gleichzeitig bekommt der Mann eine Diagnose, die keine Hoffnung lässt. Was macht man damit? Raynor und Moth Winn entscheiden sich für etwas, das von außen betrachtet völlig unvernünftig wirkt. Sie packen zwei Rucksäcke und laufen den South West Coast Path, rund tausend Kilometer entlang der englischen Südwestküste.Was das Buch für mich herausragend macht, ist seine Ehrlichkeit. Hier wird nichts verklärt. Es gibt keinen Moment, in dem die Natur alles heilt und die Sorgen einfach verschwinden. Stattdessen liest man von Hunger, von durchnässten Nächten im Zelt, von Erschöpfung und von der immer gleichen Frage, wie es weitergehen soll. Auch die Blicke, die Obdachlose zu spüren bekommen, beschönigt die Autorin nicht.Gleichzeitig ist der Weg voller Begegnungen. Manche Menschen sind großzügig, andere abweisend, viele einfach überraschend. Diese Episoden geben dem Buch seinen Rhythmus und verhindern, dass die Schwere erdrückend wird.Am Ende bleibt keine einfache Botschaft. Eher die Erkenntnis, dass Gehen eine Möglichkeit sein kann, mit Verlust umzugehen, wenn sonst nichts mehr trägt.Ein Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und uneingeschränkt empfehle. Auf die Fortsetzung freue ich mich.Anmerkung: Seit 2025 stehen einige Angaben des Buches durch eine Recherche des Observer infrage. Winn hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Für meine Leseerfahrung ändert das nichts.