Die Geschichte Triests in komplexer Form
"Alma" ist ein Roman, der aufgrund seines Klappentexts bei mir leider falsche Erwartungen geweckt hat. Statt eines Schattens des Krieges stehen der Krieg und seine Auswirkungen klar im Mittelpunkt. Ich hatte einen Roman über die Schönheiten Triests erwartet und bekam stattdessen ausführliche Schilderungen der geschichtlichen Entwicklung der Stadt und ihrer Umgebung.Zu Beginn lernen wir Alma und ihre familiäre Situation kennen. Die Mutter wirkt unglücklich und scheint sich selbst und ihre Tochter zu vernachlässigen - bis der Vater plötzlich wieder auftaucht, den Familienalltag durcheinanderbringt und nach wenigen Tagen erneut verschwindet. Lange bleibt unklar, was er dann eigentlich treibt und womit er sein Geld verdient. Eine entscheidende Wendung erfährt Almas Leben, als Vili, ein Junge mit geheimnisvoller Vergangenheit, vom Vater kurzerhand zum neuen Familienmitglied erklärt wird. Zwischen Alma und Vili entsteht eine ungewöhnliche, vielschichtige Beziehung, die sich über Jahrzehnte hinweg entwickelt.Der Roman ist sehr detailreich und intensiv recherchiert, insbesondere in geografischer und historischer Hinsicht. Einige real wirkende Fotografien verleihen der Erzählung zusätzliche Authentizität. Während ich zu Beginn noch bemüht war, Ort und Zeit einzuordnen, verlor ich im Verlauf zunehmend den Überblick, da konkrete Angaben oft fehlen. Geografische und geschichtliche Vorkenntnisse sind daher enorm hilfreich, um der Handlung besser folgen zu können.Auch der Schreibstil fordert Aufmerksamkeit: Die Sätze sind häufig komplex und dicht, sodass sich das Buch weniger für zwischendurch eignet. Gleichzeitig finden sich viele poetische und nachdenkliche Passagen, die mich berührt und zum Nachdenken angeregt haben. Besonders interessant sind die Momente, in denen deutlich wird, wie stark Familie, Herkunft und vielleicht sogar Gene unser Verhalten prägen.Wer sich für die Geschichte Triests und die Auswirkungen des Krieges in dieser Region interessiert, erhält mit "Alma" umfangreiche Einblicke. Und wer die Macht der Sprache liebt, wird mit diesem Schreibstil ebenfalls vieles für sich entdecken. Für einen genaueren Eindruck empfehle ich einen Blick auf den italienischen Original-Klappentext, der deutlich konkreter ist als die deutsche Übersetzung.