
Besprechung vom 14.02.2026
Wer möchte mit einem Metzger verwechselt werden?
Leon Englers Roman "Botanik des Wahnsinns"
Was mit der Erinnerung passiert, sobald man über sie spricht oder gar schreibt - lässt sich das immer wieder neu literarisch erörtern, problematisieren, und sogar mit Gewinn? Ist das überhaupt möglich, nach Marcel Proust, Virginia Woolf, William Faulkner und Gabriel García Márquez, nach Martin Walser, Siri Hustvedt, Annie Ernaux, Karl Ove Knausgård und so vielen anderen, die es zu ihrem Werk- und Lebensthema gemacht haben? Die Latte liegt hier wirklich hoch, und daher ist schon der Sprungversuch ehrenwert, zumal für einen Debütanten. Wir schauen Leon Engler, der 1989 in Osterzell im Allgäu geboren wurde, dabei zu und rufen: Wow!
Zugegeben, ein ganz ordentlicher Debütant ist Engler nicht, er hat schon manche Erfahrungen mit Theater, Hörspiel und anderen literarischen Formen. Aber "Botanik des Wahnsinns" - schon der Titel erscheint sehr reizvoll - ist sein erster Roman. Er macht darin nicht den Fehler, so zu tun, als wäre noch niemand vor ihm gesprungen. Im Gegenteil: Der Text ist angereichert durch die Erfahrungen großer Vorbilder. Überhaupt eingedenk einer Tradition zu schreiben, respektvoll an sie anzuschließen - das ist eine Seltenheit geworden im gegenwärtigen Literaturbetrieb. Engler hat ein hübsches Prinzip entwickelt, eigene Sätze zu kombinieren mit Vorbildsätzen, die er kursiv davon absetzt. Etwa: "Schreiben ist wirklich ein brutales Handwerk. Wer möchte mit einem Metzger verwechselt werden?" Der zweite Satz stammt von Ingeborg Bachmann, und damit öffnet sich ein Abgrund in deren teils selbstzerfleischendes Werk. Aber Bachmann ist hier weit mehr als nur punktuelle Stichwortgeberin.
Am Anfang von Englers Roman steht eine Begebenheit, die man für unerhört halten möchte, bis es heißt, so was komme öfter vor: Durch ein Versehen bei einer Entrümpelung wird nach dem Tod der Mutter des Erzählers deren gesamter Familiennachlass verbrannt. Der Vater lebt noch, leidet aber unter einer seltsamen Amnesie: Er kann sich nur an die ersten dreißig Jahre seines Lebens erinnern, nach der Geburt seines Sohnes an nichts mehr. Der Sohn, der Erzähler, steht nun ohne Geschichte da, allerdings mit Indizien dafür, dass Wahnsinn bei ihm in der Familie liege.
Der Selbstzerfleischung möchte der Erzähler anfangs entgehen, er flüchtet nach New York, dann weiter vor Kakerlaken und anderen Mitbewohnern nach Paris, weiter nach Wien. In der Stadt der Psychoanalyse beginnt er ein chaotisches Studium. Leon Engler beweist in diesen rastlos geschilderten Episoden zwischen Reise- und Bildungsroman ein großes Talent zur Verdichtung, etwa beim Ende einer Beziehung: "Ich schaue sie an, sie schaut in alle Richtungen. Ich frage, wofür wir unsere Muttermale auswendig gelernt haben." Er kann drastisch zuspitzen und dann den entscheidenden Schuss Ironie hinzufügen: "Aus Solidarität erkranke ich auch."
Während man im ersten Drittel des Buches atemlos der Handlung folgt, lässt das Interesse nicht nach bei seinem Schwenk zu dem im Grunde essayistischen Thema: Es ist die aus dem 17. Jahrhundert stammende "Vision, geistige Störungen so klar voneinander trennen zu können wie Pflanzenarten". Wie Engler im Folgenden eine kritische Geschichte der Psychiatrie, auch jener der NS-Zeit, engführt mit einer seiner eigenen Familie und dann noch verbindet mit aktuellen Erfahrungen in therapeutischen Einrichtungen, ist meisterlich. Der Text sprüht vor literarischen und (wissenschafts)geschichtlichen Anspielungen, die von mittelalterlichen Narrenhäuslein über Sylvia Plath, Elfriede Jelinek und eben Ingeborg Bachmann bis zu Friedrich Nietzsche, C. G. Jung und Julia Kristeva führen. Aber nie wird das Bildungsgut zum Ballast. Bevor es zu essayistisch wird, wendet der hakenschlagende Erzähler sich immer rechtzeitig wieder der - rekonstruierten? erfundenen? - Familie zu und seiner eigene Rolle darin. Trotz der Kürze scheut man sich nicht, das Buch einen großen Psychiatrieroman zu nennen.
Seine größte Stärke liegt darin, noch dem Ernstesten etwas Witziges abzugewinnen. Auch dabei zeigt sich Englers verdichtendes, theatralisches Talent, etwa in diesem grotesken Gespräch: "Wie geht es Ihnen? Clomethiazol, Propranolol, Carbamazepin. Welcher Tag ist heute? Quetiapin, Haloperidol, Clonidin. Was kann ich für Sie tun? Lorazepam, Oxazepam, Sertralin. Was ist der Sinn des Lebens? Dexmedetomidin, Propofol, Chlordiazepoxid." Man darf nur nicht anfangen, zu viel zu diesen Medikamenten zu recherchieren, denn dann vergeht einem das Lachen. JAN WIELE
Leon Engler:
"Botanik des
Wahnsinns". Roman.
DuMont Buchverlag, Köln 2025.
208 S., geb.
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