Eine ruhige, melancholische Geschichte über Menschlichkeit, Vergänglichkeit und die Frage, was ein Leben wertvoll macht. 4,5¿¿
Erster Satz: "Ich heiße Kathy H. Ich bin einunddreißig Jahre alt und arbeite inzwischen seit über elf Jahren als Betreuerin."Mit diesem ersten Satz beginnt eine Geschichte, die mich zunächst vor allem durch ihre ruhige und besondere Erzählweise mitgenommen hat. Je weiter ich gelesen habe, desto mehr wurde mir aber klar, dass Alles, was wir geben mussten eigentlich von sehr viel mehr handelt als von Kathy, Ruth und Tommy.Wir begleiten Kathy in ihren Erinnerungen an Hailsham, an ihre Kindheit und an die Menschen, die ihr Leben geprägt haben. Vieles wird dabei nicht direkt erklärt. Stattdessen setzt sich die Geschichte Stück für Stück zusammen. Freundschaft, Eifersucht, Liebe, Hoffnung und all die kleinen Entscheidungen, die Menschen treffen, begleiten Kathy auf ihrem Weg. Und während man immer mehr über ihr Leben erfährt, wird gleichzeitig immer deutlicher, welches Schicksal auf ihr und den anderen liegt.Gerade diese ruhige Art des Erzählens hat mir gefallen. Das Buch lebt nicht von großen Wendungen oder Spannung, sondern von dem Gefühl, dass sich langsam etwas in einem festsetzt. Es gibt so viele Szenen, die auf den ersten Blick vielleicht unscheinbar wirken, die aber später eine ganz andere Bedeutung bekommen. Besonders beschäftigt hat mich die Parallele zwischen den Klonen und uns Menschen. Denn je mehr man über Kathy, Ruth und Tommy erfährt, desto weniger konnte ich sie als etwas anderes betrachten. Sie haben Erinnerungen. Sie lieben. Sie sind eifersüchtig. Sie hoffen. Sie streiten. Sie haben Angst und sie versuchen, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Und genau darin liegt für mich einer der stärksten Gedanken des Buches: Was unterscheidet sie eigentlich von uns?Natürlich sind ihre Lebensumstände anders. Aber ihre Gefühle, ihre Beziehungen und ihre Sehnsucht nach einem erfüllten Leben wirken unglaublich menschlich. Und dadurch beginnt man irgendwann ganz automatisch, die Geschichte nicht mehr nur aus der Perspektive der Klone zu betrachten. Sie wird zu einer Geschichte über uns selbst. Über unsere Erinnerungen. Über das, was wir aus unserem Leben machen. Über die Dinge, an denen wir festhalten. Und auch darüber, wie wir mit der Tatsache umgehen, dass unser Leben irgendwann endet.Besonders schön fand ich dabei, dass das Buch nicht versucht, auf all diese Fragen eine einfache Antwort zu geben. Kathy blickt zurück und versucht, die Vergangenheit zu verstehen. Sie gibt den Ereignissen eine Bedeutung, setzt einzelne Erinnerungen zusammen und sucht nach Zusammenhängen. Für mich fühlte sich das wie ein riesiges Mosaik an. Mit jedem Kapitel kam ein weiterer Stein dazu und irgendwann erkennt man immer mehr das große Ganze.Das Nachwort hat mir noch einmal besonders viel gegeben. Ich mochte es wirklich sehr, weil es für mich den Blick auf das gesamte Buch noch einmal geschärft hat. Es macht deutlich, worauf es bei dieser Geschichte eigentlich ankommt. Nicht nur auf die Klone. Nicht nur auf ihr Schicksal. Sondern auf die Fragen dahinter: Was macht einen Menschen aus? Was bleibt von einem Leben? Warum brauchen wir Geschichten, Erinnerungen und Beziehungen? Und warum versuchen wir Menschen eigentlich immer, unserem Leben und unserem Ende einen Sinn zu geben? Genau das habe ich beim Lesen empfunden. Und deshalb hat mich das Nachwort so berührt. Es hat vieles, was während des Lesens eher unterschwellig bei mir angekommen ist, noch einmal zusammengeführt. Ich hatte dadurch das Gefühl, das Buch noch ein Stück besser zu verstehen.Trotzdem hatte die Geschichte für mich zwischendurch auch kleine Längen. Ishiguro erzählt sehr ruhig, teilweise extrem ausschweifend und mit vielen Rückblicken. Das hat grundsätzlich gut zu der Geschichte gepasst, hat es mir aber nicht immer leicht gemacht, aufmerksam zu bleiben.Es ist eines dieser Bücher, bei denen ich glaube, dass seine eigentliche Wirkung erst einsetzt, wenn man es beendet hat. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr verstehe ich, warum mich bestimmte Szenen so beschäftigt haben.Alles, was wir geben mussten war für mich eine leise, melancholische und gleichzeitig unglaublich menschliche Geschichte. Eine Geschichte über Menschen, die wissen, dass ihr Leben begrenzt ist und damit letztlich über etwas, das uns alle betrifft. Und vielleicht ist genau das der Punkt, der bei mir am meisten hängen bleibt: Dass die Klone uns am Ende gar nicht so fremd sind, wie man zunächst denken könnte.