
Ein Kinderroman über Freundschaft, Mut und Abschied
Roffe wird sterben. Aber das macht Uno nicht viel aus. Roffe ist schließlich schon alt und nicht einmal sein echter Opa. Uno kommt trotzdem mit Papa ins Krankenhaus, um Abschied zu nehmen. Dort trifft er auf die gleichaltrige Katjes. An ihr ist nicht nur der Name ungewöhnlich. Katjes ist auch sonst nicht wie die anderen Kinder in Unos Klasse. Bei ihr fühlt sich der
schüchterne, Fremden gegenüber schweigsame Uno
nicht komisch und falsch. Wenn Katjes da ist, kriegt Uno sogar den Mund auf. Am liebsten spielen die beiden im Aufenthaltsraum der Palliativstation Weltuntergang mit Kometenhagel, Überschwemmung und allem Drum und Dran.
Papa behauptet, dass es Katjes gar nicht gibt. Sie existiert nur in Unos Fantasie, sagt er. Und tatsächlich: Als Uno eines Tages ins Krankenhaus kommt, ist Katjes nicht mehr da. Hat sich Uno seine beste Freundin etwa doch nur ausgedacht?
Rührende Freundschaftsgeschichte
in einem ungewöhnlichen Setting (Krankenhaus und Klinikflure)
Sensibel und gleichzeitig witzig
geschrieben , so wie man es von Elin Lindell kennt
Ideal für Kinder
ab 8 Jahren
, die alltagsnahe Geschichten lieben
Thematisiert
Abschied, Tod, Lebensfreude und Freundschaft
auf besondere Weise
Nominiert für den renommierten
August-Preis
in Schweden
Besprechung vom 14.03.2026
Süßes im Sockenplan
Elin Lindell legt nach und erfindet eine tolle Geschichte von Trauer und Liebe, die Eltern auf neue Spuren führt.
Von Eva-Maria Magel
Viele Ausnahmen hat Uno gut in diesen Wochen. Eigentlich darf er immer nur zehn Süßigkeiten in seine Tüte tun; Lollis zählen doppelt. Damit wird er deutlich strenger gehalten als andere Kinder. Kaum verlassen Uno und Papa das Süßwarengeschäft "Süßes-oder-Saures", treffen sie in der U-Bahn auf Samir aus Unos Klasse. Der hat eine Riesentüte voller Samstagsbonbons. Und offenbar keine hohe Meinung von Uno. Denn der "sagt auch in der Schule nie was".
Nur gut, dass Uno mit uns, den Leserinnen und Lesern, aufs Ausführlichste ins Gespräch kommt. Rückblickend. Denn so muss man ihn nicht nur richtig klasse finden. Wir können auch erleichtert feststellen, dass es mit Katjes und dem Spielen und Reden gut weiter gegangen ist. So gut, dass uns Uno, acht Jahre alt und nach innen ausgesprochen auffassungsbegabt und mitteilsam, auch nach außen erzählen kann. Von jenem Sommer, als sein Beinahe-Opa Roffe im Hospiz gestorben ist und die Oma von Katjes auch. Davon, wie die beiden, Uno und Katjes, sich gefunden haben und einen herrlichen Nachmittag lang zwischen all den Krankenzimmern ein abenteuerliches Spiel spielen konnten. Und davon, wie es dann weitergegangen ist, als Katjes nicht mehr in die Klinik kam. Und Uno die U-Bahn-Station Sockenplan nicht mehr gefunden hat.
Die schwedische Tradition der "Lördagsgodis", der samstäglichen Süßigkeitentüte, dient Elin Lindell als Ausgangspunkt einer Geschichte, die so süßsauer ist wie eine bunte Tüte. Das hat dem Buch den deutschen Titel "12 Süßigkeiten und 2 Todesfälle" beschert - im Schwedischen heißt es einfach "Jenka und ich" und ist wie im Deutschen eine Anspielung auf eine Süßwarenmarke. Das ist für die Erwachsenen bedeutsam, denn Katjes, dieser Mädchenname, klingt für sie ein bisschen ausgedacht. Es ist für Uno egal, der in punkto Namen seine eigene süße Last zu tragen hat: Er heißt Uno, weil er der Erstgeborene ist und seine Oma Italienerin. Warum sein Babybruder Otto heißt? Vielleicht, weil er zur Welt kam, als Uno acht war. Sechs weitere Brüder jedenfalls gibt es in der Geschichte nicht, was für Uno ein Segen ist.
Warum? Lindell erzählt auch davon, wie schwer es sein kann, plötzlich großer Bruder zu sein, obwohl man alleine doch ganz gut klar kam. Anders als Dani in "Der süßeste Bruder der Welt". Die deutsche Übersetzung ihrer Graphic Novel 2025 ließ hoffen, dass von der in Schweden bekannten Autorin und Grafikerin Lindell, Jahrgang 1981, noch mehr auch nach Deutschland kommen könnte. Denn sie hat einen eigenen, frischen, ganz und gar lebenssatten Ton, der Kinder ebenso wie Erwachsene bereichert. Ihre Geschichten sind komisch, sowohl in der Erzählung wie in den von ihr selbst gestalteten Illustrationen, und das sogar da, wo es um Ernstes oder Ärgerliches geht.
Wo Dani im "Süßesten Bruder" unbedingt ein Brüderchen will und einen Teenager als Patchwork-Bruder bekommt, möchte Uno, dass alles so bleibt, wie es ist. Lindell nimmt die Kinder mit, die sich entweder wiedererkennen oder erfahren, wie es ist, sehr schüchtern zu sein, was im Text durch die Schriftgröße abgebildet wird. Sie erzählt davon, wie es ist, wenn ein im Vergleich zu einem Kind sehr alter Mensch stirbt - für ein Kind und für Erwachsene. Und sie erzählt wieder eine ganze Menge Dinge, die Erwachsene, vor allem Eltern, interessieren. Das tut sie auf großartige, sehr klare und oft komische Weise aus der Blickrichtung des Kindes Uno heraus.
Das sieht die erschöpfte stillende Mutter, den bisweilen überforderten Vater und sich. Es sieht, dass es gut ist, dass Roffe, der schwerkranke alte Mann, Abschied nehmen kann und gibt zu, dass es lieber hätte, jemand weniger Sympathisches müsste dran glauben. Es begreift, dass der Vater beim abendlichen Vorlesen, eine zauberhafte Hommage an Astrid Lindgren, viel mehr ergriffen von den "Brüdern Löwenherz" ist als Uno selber. Nur eins begreift Uno nicht: dass all die wohlmeinenden Erwachsenen glauben, er habe sich Katjes nur ausgedacht, als unsichtbaren Freund. Das erzeugt ganz erstaunliche Missverständnisse und ein Abenteuer. Doch wieder gelingt es Lindell, auch die Defizite der Erwachsenen so zu schildern, dass alle, junge wie ältere Leser sehr erheitert und vielleicht ein bisschen klüger aus ihrem selbst illustrierten Buch wieder auftauchen. Und womöglich sehr große Lust auf Süßes haben.
Elin Lindell: "12 Süßigkeiten und 2 Todesfälle".
Aus dem Schwedischen von Katharina Erben. Klett Kinderbuch, Leipzig 2026. 170 S., geb., 16,- Euro. Ab 8 J.
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